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Drama - Hörspiel - Drehbuch

Liebe Leserinnen und Leser,

in letzter Zeit fordert schon die bloße Erwähnung des Wortes "Bombe" paranoideste Reaktionen unserer Mitmenschen heraus. Um der ganzen Sache ein wenig von ihrer Explosivität zu nehmen und mit comic relief zur Beruhigung der Allgemeinheit beizutragen, ließ sich Schreiberling Wölfel einmal in die Abgründe bundesdeutscher Kriminalliteratur sinken und erdachte ein feines Hörspiel.

Hier nun der erste Teil des Hörspiels. Am Ende des Textes finden Sie einen Link, um den Text als .pdf-Datei herunter zu laden. Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe.

mfg

Schreiberling Escher


Der Bombenleger

von

Stefan Wölfel

Technische Daten:

Länge

25-30 Minuten

Sprecher

4 tragende Sprecherrollen:
1. Sprecher: Anwalt
2. Sprecher: Inspektor
3. Sprecher: Bombenleger # 1
4. Sprecher: Bombenleger # 2

Kurzsprecherrollen

Sekretärin (3. Sprecher)
3 Polizisten (5., 6. und 13. Sprecher)
Landtagsabgeordneter (7. Sprecher)
4 Journalisten (8., 9., 10. und 11. Sprecher)
Richter (12. Sprecher)


Einspielung der Akustik einer Bar am Strand von Rio de Janeiro (Meeresrauschen/Möwen/Sambamusik/Gläserklirren)

1. Sprecher (erfreute Stimme):

"Ich werd' nicht mehr! Inspektor! Also, wenn Sie mich überraschen wollten, dann ist es Ihnen wirklich gelungen. Sagen Sie bloß, Sie haben den weiten Weg an die Copacabana gemacht, um mich zu verhaften?"

2. Sprecher:

"Das steht momentan wohl etwas außerhalb meiner Befugnisse, obwohl ich zugeben muss, dass es mich reizen würde. Nein, ich bin privat hier."

1. Sprecher:

"Prächtig! Dann lassen Sie sich doch zu einem Drink einladen. Sie sind nicht im Dienst, also ist es auch keine Bestechung... Joaquin! Zwei Captain Morgan auf Eis!!"

2. Sprecher:

"Ich wollte nur mal sehen, was aus dem "Bombenlegeranwalt" geworden ist."

1. Sprecher:

"Anwalt im Ruhestand, bitte schön."

2. Sprecher:

"Sind Sie nicht etwas zu jung für die Rente?"

Einspielung vom Klang zweier Gläser, die auf die Theke gestellt werden.

1. Sprecher:

"Ah, da sind die Drinks... Ja, Sie haben recht. 35 Jahre ist noch etwas jung, aber als sich eine Chance geboten hat, da bin ich meiner engen Kanzlei in Frankfurt entflohen."

2. Sprecher:

"Genau diese Geschichte will ich hören! Warum haben Sie Ihren Job an den Nagel gehängt und sich wie ein alter Nazi in Südamerika verkrochen?"

1. Sprecher:

"Erst einmal der Captain Morgan. Zum Wohle!"

Einspielung von zwei Gläsern, die angestoßen werden.

2. Sprecher (hustend):

"Du liebe Güte... Sie scheinen es hochprozentig zu lieben, was?"

1. Sprecher (lacht):

"Die alte Geschichte vom "Bomber" hat Sie nicht mehr losgelassen, oder? Nun, wenn Sie schon so einen weiten Weg hinter sich gebracht haben, dann will ich Sie auch nicht enttäuschen. Und verschlucken Sie sich dabei nicht."

2. Sprecher:

"Dann schießen Sie mal los."

1. Sprecher:

"Tja... da muss ich etwas weiter ausholen: Wissen Sie, Inspektor, ich war eigentlich ein ziemlich mittelmäßiger Strafverteidiger. Nur mit Geld konnte ich schon immer gut umgehen. Das hat mir einen gewissen Nebenverdienst beschert."

2. Sprecher:

"Erklären Sie mir das bitte genauer."

1. Sprecher:

"Das hatte mit meinem Beruf als Anwalt zu tun. Ich war spezialisiert auf Straftäter, die sich einerseits stellen, aber eben andererseits nicht auf ihr erbeutetes Geld verzichten wollten. Neben der Verteidigung habe ich auch deren Finanzen in die Hand genommen. Das heißt, ich habe das Geld gewaschen und angelegt. Während mein Klient im Gefängnis saß, verwaltete ich dessen Konten. Für eine bescheidene Provision selbstverständlich."

2. Sprecher:

"So war es auch beim "Bomber" gewesen, stimmt's?"

1. Sprecher:

"Ja, aber der Fall dieses Erpressers und Bombenlegers hat sich doch beträchtlich von denen meiner üblichen Klienten unterschieden. Der Reichtum kam ja erst durch die Verhaftung zustande. Doch lassen Sie mich fortfahren: Ein Straftäter also, dessen Finanzen ich während seines Gefängnisaufenthalts verwaltete - natürlich illegal - brauchte nichts weiter tun, als seelenruhig seine Strafe abzusitzen. Wie es sich in einem Rechtsstaat eben gehört. Wenn er nach einigen Jahren minus Untersuchungshaft und guter Führung wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, trat ich auf den Plan. Ich überreichte dann dem nun freien Mann sein Geld und ein Flugticket an einen Ort seiner Wahl."

2. Sprecher (tadelnd):

"Das ist ungerecht! Ein Verbrecher darf einen Gewinn aus seinen Untaten ziehen!"

1. Sprecher:

"Beneidenswerte Einstellung, Inspektor, aber bei aller Moral übersehen Sie da einen gewissen sozialen Aspekt."

2. Sprecher:

"Welchen sozialen Aspekt?"

1. Sprecher:

"Schauen Sie, wenn einer aus dem Knast kommt, ist er sozial erledigt. Er wird nie Arbeit finden. Wenn aber nach seiner Entlassung genügend Geld für eine gesicherte Existenz vorhanden ist, dann garantiere ich Ihnen, dass er nie wieder straffällig wird und so dem Staat viel Geld erspart. Ich hatte Klienten, die blieben im Lande, investierten ehrlich und nährten sich redlich. Sie sind brave Steuerzahler geworden. Vergessen Sie nicht: Die Strafe wurde abgebüßt.

2. Sprecher:

"Ich will mich nicht mit Ihnen über Moral streiten. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie damals die Sache mit dem "Bomber" gedeichselt haben und warum Sie selbst abhauen mussten."

1. Sprecher:

"Tja, das war eine seltsame Geschichte..."

Akustik von Rio wird durch Frankfurt überblendet. (Straßengeräusche/Tür/Schritte auf Treppe/Tür)

1. Sprecher:

"... es war ein ganz normaler Montagmorgen vor sieben Jahren. Der Tag begann in meiner Kanzlei in Frankfurt mit den üblichen Morgennachrichten: Kriege, gefallene Aktienkurse und ein Erpresser, der sich "Bomber" nannte und seit eineinhalb Jahren die Polizei an der Nase herumführte..."

Türgeräusche. Einblenden Tastaturgeräusche/Telefonläuten.

1. Sprecher:

"Guten Morgen, Marie."

3. Sprecher:

"Guten Morgen, Chef."

Tastaturgeräusch bricht ab. Rascheln von Papier/Schritte.

1. Sprecher:

"Wenn Anrufe für mich kommen, ich bin in meinem Büro."

3. Sprecher:

"Da hat schon jemand angerufen und sich nach Ihnen erkundigt. Es war ein Mann, und er klang sehr aufgeregt."

1. Sprecher:

"Seinen Namen hat er aber nicht genannt, oder?"

3. Sprecher:

"Nein."

1. Sprecher:

"Stellen Sie durch, wenn er wieder anruft."

Türengeräusche/Schritte/Papiergeräusch/Rascheln von Zeitungen. Telefonklingeln unterbricht.

1. Sprecher:

"Ja?"

3. Sprecher:

"Der Herr von vorhin ist am Apparat."

1. Sprecher:

"Gut, stellen Sie durch."

Knacken in der Leitung.

4. Sprecher (gehetzt, schwer atmend):

"Hallo Anwalt."

1. Sprecher:

"Mit wem habe ich das Vergnügen?"

4. Sprecher:

"Sagen Sie, Ihr Telefon wird abgehört, oder?"

1. Sprecher:

"Nicht dass ich wüsste. Aber wenn Sie mir nun freundlicherweise Ihren Namen und Ihr Anliegen mitteilen würden, dann könnte ich schon einmal überlegen, was ich für Sie tun kann."

Kurzes Schweigen.

4. Sprecher:

"Ich bin der "Bomber"!"

Schweigen.

1. Sprecher (belegte Stimme, Räuspern):

"Aha... und was kann ich für Sie tun?"

4. Sprecher:

"Ich möchte mich stellen."

1. Sprecher:

"Warum gehen Sie nicht zur Polizei und sagen: ‚Hallo, da bin ich'?"

4. Sprecher:

"Weil das zu einfach ist. Es ist nicht mein Stil."

1. Sprecher:

"Und was würde Ihrem Stil entsprechen?"

4. Sprecher:

"Sie machen sich lustig über mich..."

1. Sprecher:

"Gott, nein! Ich weiß nur nicht, was Sie von mir wollen. Wenn Sie eine Strafverteidigung wünschen, dann kann ich Sie an einige meiner Kollegen verweisen..."

4. Sprecher:

"Ich will aber Sie!"

1. Sprecher:

"Ach!"

4. Sprecher:

"Hören Sie, ich habe Ihre Telefonnummer von einem Bekannten in Südamerika. Der hat mir erzählt, dass Sie als Verteidiger zwar eine Niete sind..."

1. Sprecher (gereizt):

"Danke!"

4. Sprecher:

"... aber er hat mir auch erzählt, dass Sie ein Finanzgenie sind. Hören Sie zu: Ich werde mich stellen, und Sie arrangieren für mich eine Aufsehen erregende Verhaftung. Dabei können Sie auch gleich als mein Rechtsbeistand anwesend sein. Ich bin langsam bekannt genug, dass es ein Medienspektakel abgeben könnte. Verhökern Sie einfach meine Story meistbietend an die Zeitungen. Ans Radio. Und ans Fernsehen. Verkaufen Sie Exklusivinterviews. Ach ja, und bevor ich es vergesse: Lassen Sie meinen Künstlernamen bitte urheberrechtlich schützen. Tun Sie einfach, was Sie für richtig halten und legen Sie das Geld an, bis ich wieder aus dem Knast komme. Uns Sie ziehen sich ihre üblichen zehn Prozent ab."

Kurzes Schweigen

4. Sprecher:

"Also, was halten Sie davon? Abgemacht?"

1. Sprecher (zögernd):

"Wenn Sie so eine Sehnsucht nach dem Gefängnis haben..."

4. Sprecher:

"Überlegen Sie nicht zu lange, Anwalt! Abgemacht?"

1. Sprecher:

"Abgemacht!"

4. Sprecher:

"Ich melde mich in einer Stunde wieder. Dann gebe ich Ihnen durch, wo man mich verhaften kann, und wir sprechen noch einige Details durch. Auf Wiederhören."

Knacken in der Leitung/Ton der Amtsleitung/Wahltastengeräusch/Wählton/Knacken in der Leitung.

1. Sprecher:

"Marie? Bitte suchen sie mir Telefonnummern der großen Zeitungen, Rundfunkhäuser und Fernsehgesellschaften heraus... und sagen Sie für heute alle Termine ab. Wir müssen zu einer Verhaftung."

Akustik von Frankfurt tritt wieder in den Hintergrund/ Einspielung von Strandgeräuschen in Rio.

1. Sprecher:

"So ist das gewesen, Inspektor. Der "Bomber" informierte mich, und ich informierte die Medien."

2. Sprecher:

"Damit haben Sie ja ein schönes Theater bei der Verhaftung angerichtet."

Überblendung der Strandatmosphäre mit Geräuschen des Frankfurter Bahnhofsvorplatzes mit lauter werden Polizeisirenen.

2. Sprecher:

"Es war scheußlich. Meine Männer stürmten auf den "Bomber" zu..."

Einspielung von Türenschlagen und raschen Schritten auf Asphalt.

2. Sprecher:

"Er stand an der Telefonzelle auf dem Vorplatz und rief:"

4. Sprecher:

"Ich bin der "Bomber", ich bin der "Bomber"."

Einspielung eines Handgemenges.

2. Sprecher:

"Meine Leute packten zu!"

5. Sprecher:

"Ich hab' ihn."

6. Sprecher:

"Ich auch!"

2. Sprecher:

"Wir rechneten mit allem, aber nicht damit, dass sich plötzlich alle Passanten auf dem Bahnhofsvorplatz als Reporter entpuppten. Ich habe ja schon viel Blitzlichtgewitter erlebt..."

Geräusche von Foto- und Filmkameras.

2. Sprecher:

"... aber der Presseaufmarsch an jenem Tag hat uns so sehr irritiert, dass wir beinahe den Falschen an der Telefonzelle festgenommen hätten, wenn der "Bomber" nicht so lautstark auf sich aufmerksam gemacht hätte..."

Einspielung von Baratmosphäre von Rio

2. Sprecher:

"Es war scheußlich."

1. Sprecher:

"Aber Sie haben die schwierigen Bedingungen außerordentlich gut gemeistert, Inspektor. Seien Sie mir bitte nicht böse, dass Ihnen die Reporter die Bude eingerannt haben und Sie keine ruhige Minute mehr hatten ... aber ich kann Sie trösten: Ich hatte auch keine ruhige Minute mehr. Ich kann mich noch gut an das erste Verhör erinnern..."

2. Sprecher (seufzend):

"Ich auch..."




© Stefan Wölfel 2003


... und hier geht's zu Teil 2

... und hier geht's zum Download der .pdf-Datei!

Auszug:

... aus Der Klempner und der schlechte Schütze:

Tropfender Wasserhahn
Tropfender Wasserhahn
Ein Schuss
Mehr tropfende Wasserhähne
Noch mehr Schüsse
Endlich: Ein Schrei!
Fortsetzung folgt!!!

Bitte nur ernst gemeinte Produktionsangebote!