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Der Bombenleger

Hörspiel von Stefan Wölfel

Teil 2

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Einspielung Polizeipräsidium: Akustik eines langen Ganges Eine Tür wird geschlossen. Schritte auf Steinfußboden. Kalte Atmosphäre.

2. Sprecher:

"Setzen Sie sich! Sie bitte auch, Herr Anwalt."

Stühle rücken

2. Sprecher:

"Sie also sind der "Bomber". Sie haben ja einen ganz schönen Rummel losgetreten. Eineinhalb Jahre lang spielen Sie mit uns Katz und Maus, machen die Polizei zum Gespött der Leute ... und jetzt stellen Sie sich einfach und erzählen uns, Sie haben die Nase voll vom Erpressen und Bombenlegen. Ich kann es noch gar nicht fassen!"

1. Sprecher:

"Herr Inspektor, wollen Sie meinen Mandanten wegen mangelndem Sportsgeist einbuchten oder wegen räuberischer Erpressung in Zusammenhang mit Sachbeschädigung?"

4. Sprecher:

"Sie haben unerlaubten Besitz von Sprengstoffen vergessen."

2. Sprecher:

"Außerdem! Mann, da kommt ja eine ganz schöne Latte von Anschuldigungen zusammen. Das gibt sechs Jahre mindestens."

4. Sprecher:

"Diese ganze Erpresserei bringt nichts ein. Deshalb stelle ich mich. Die Banken reagieren ja nicht auf Drohungen. Die Geldübergaben sind auch allesamt schiefgegangen. Es lohnt sich einfach nicht. Ich möchte es hinter mich bringen."

2. Sprecher:

"Lobenswert!"

1. Sprecher:

"Ruhig Blut. Wenn Sie im Gefängnis brav sind und nicht jeden Tag die Zellenwand mit einem Stich verunstalten, dann sind Sie bei guter Führung in fünf bis sechs Jahren wieder draußen."

2. Sprecher:

"Warten wir die Verhandlung ab. Bis dahin haben wir noch viel Zeit uns zu unterhalten. Ihren Namen haben sie ja schon meinen Kollegen verraten: Heinz Belinek. 46 Jahre alt. Geschieden. Arbeitslos"

Rascheln von Papier.

2. Sprecher:

"Da die Personalien schon aufgenommen wurden und Ihr Rechtsbeistand anwesend ist, können wir schon einmal mit Ihrer Geschichte anfangen."

1. Sprecher:

"Mein Mandant beabsichtigt, alles offenzulegen und nichts zu verschweigen. Herr Belinek möchte ein umfassendes Geständnis ablegen."

4. Sprecher:

"Genau!"

2. Sprecher:

"Prima! Zum erstenmal, seit ich hinter Ihnen her bin, werde ich rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kommen. Eineinhalb Jahre haben sie mich auf Trab gehalten. Erzählen Sie mir mal Ihre Karriere als Bombenleger und Erpresser."

4. Sprecher:

"Wo soll ich nur anfangen...?"

2. Sprecher:

"Na, vielleicht an dem Tag, als Sie zum ersten mal den Plan fassten, eine Bombe zu legen."

4. Sprecher:

"Nein! Ich werde noch viel früher beginnen! Hören Sie, fünfundzwanzig Jahre hab ich am Fließband gestanden. Fünfundzwanzig Jahre lang Tag für Tag nichts anderes als Haken für Duschvorhänge. Und dann kommt der Tag, wo der Postbote den blauen Brief von der Firma vorbei bringt:

"Wir bedauern sehr, Herr Belinek, aber im Zuge der Modernisierung unseres Betriebs steht Ihre Stelle zur Disposition..."

Pah! Auf die Straße gesetzt haben die mich! Nach fünfundzwanzig Jahren. Mann! Wenn Sie so alt sind wie ich, dann sind Sie zu jung für die Rente und zu alt, einen neuen Job zu finden! Die lausige Abfindung hat nicht einmal ausgereicht, meine Schulden bei der Bank zu tilgen. Erst verliere ich meinen Job an eine Maschine, und dann mein Haus an die Bank. Schlucken Sie mal sowas. Wenn Ihnen was besseres einfällt als eine krumme Tour, dann erzählen Sie es mir!"

2. Sprecher:

"Herr Belinek, vor mir brauchen Sie sich nicht zu rechtfertigen. Danke, dass Sie uns Ihr Motiv geschildert haben. Doch nun brenne ich darauf, von Ihnen zu hören, woher Sie Ihre profunde Kenntnis von Sprengstoffen haben."

4. Sprecher:

"Na, aus Schulbüchern

"

2. Sprecher:

"Schulbücher???

"

4. Sprecher:

"Physik– und Chemieunterricht an höheren Fachschulen war der Titel. Hab's aus der Stadtbücherei. Wussten Sie, dass man aus einer Batterie, einem Wecker, zwei Drähten, einer Autozündkerze und einer Mischung aus Backpulver und Aluminiumschrot schon ziemlich teuflische Bomben basteln kann?"

2. Sprecher (räuspert sich):

"Nun, das wird unsere Sprengstoffexperten interessieren."

4. Sprecher:

"In dem Buch stand sogar das Bauprinzip einer Atombombe..."

2. Sprecher (räuspert sich noch einmal):

"Aber Ihre Bomben – es waren ja zwei, die detonierten – waren auf der Basis von Tri–Nitro–Toluol hergestellt."

4. Sprecher:

"Eigentlich waren es drei. Die erste ist leider nicht hochgegangen."

2. Sprecher:

"Leider, sagen Sie? Sie hätten Menschen verletzten können!"

4. Sprecher:

"Was glauben Sie eigentlich, warum ich vorher anrief und eine Warnung durchgab? Ich habe es immer nur auf Sachbeschädigung abgesehen, wenn ich meine Bomben bei den Geldautomaten der Banken versteckte."

2. Sprecher (erzürnt):

"Ein Bankangestellter wurde verletzt, als er sich in der Nähe eines Geldautomaten befand, der eine Stunde zu früh explodierte!"

4. Sprecher:

"Das tut mir wirklich leid. Mein Fehler. War wegen der Umstellung auf die Sommerzeit."

1. Sprecher:

"Verzeihen Sie, dass ich mich einmische... aber der Geschädigte hat bis zur Stunde keine Anzeige gegen meinen Mandanten erstattet. Soviel ich weiß, leidet der Mann nur an Vorruhestand und Ohrensausen."

4. Sprecher (lacht)

2. Sprecher:

"Warum lachen Sie?"

4. Sprecher:

"Es war ein Bild für Götter, als das Ding hochging..."

Einspielung einer Explosion

4. Sprecher:

"...und das ganze Geld, die ganzen schönen Scheinchen auf den Asphalt niederregneten."

2. Sprecher:

"Die Leute von der Bank fanden das gar nicht witzig..."

Abruptes Ende der Szene im Verhörzimmer. Einblendung der Baratmosphäre in Rio

1. Sprecher (Lachend):

"Inspektor, sagen Sie bloß, Sie konnten der ganzen Sache damals überhaupt kein Vergnügen abgewinnen?"

2. Sprecher:

"Tut mir leid, ich habe nicht Ihren Humor. Wenn ich an den folgenden Medienrummel denke, wird mir heute noch ganz schlecht. Das war ja eindeutig Ihr Werk, Anwalt."

1. Sprecher:

"Der Rummel wäre früher oder später sowieso über Sie hereingebrochen. Sagen wir, ich habe die Geschichte nur in die richtigen Kanäle fließen lassen."

2. Sprecher (unterbricht unwirsch):

"Kanäle, aus denen dann das Geld an Sie floss."

1. Sprecher:

"Der Bomber war eine Berühmtheit. Anderthalb Jahre lang hat er versucht, Geld von verschiedenen Banken zu erpressen – ohne Erfolg! Es ist ihm einfach nicht gelungen. Was ihm dagegen gelang, das war Sie an der Nase herumzuführen, Herr Inspektor. Die Öffentlichkeit wollte wissen, wer dieser raffinierte Gauner war. Und die Medien waren bereit, dafür zu zahlen – bereit, eine ganze Menge zu bezahlen!

"Der Bomber

" hat sich daran eine goldene Nase verdient."

2. Sprecher:

"Genau dieser Punkt bereitete mir damals Bauchschmerzen."

1. Sprecher:

"Ach, tatsächlich?"

2. Sprecher:

"Als man während der Verhöre munkelte, dass Millionenbeträge für die Geschichte des Bombers gezahlt wurden, waren manche Leute sehr empört. Ein Landtagsabgeordneter, ein richtiger populistischer Schießhund, hat mir während einer Pressekonferenz die Bude eingerannt und Zeter und Mordio geschrien..."

Akustik von Büro des Inspektor mit Stimmengewirr und Kamerageräuschen wie bei einer Pressekonferenz.

7. Sprecher:

"Herr Inspektor, es ist ein Unding, dass ein Übeltäter Gewinn aus seinen Untaten zieht. Ich verlange, dass die Umstände von Belineks finanziellen Umtrieben restlos aufgeklärt werden! Unterbinden Sie dieses unrechtmäßige Geldverdienen! Ich werde mich persönlich für einen Untersuchungsausschuss im Landtag stark machen."

Aufgeregteres Stimmengewirr/ Kameraklicken.

8. Sprecher:

"Herr Inspektor! Herr Inspektor!"

9. Sprecher:

"Wieviel hat der

"Bomber

" verdient?"

10. Sprecher:

"Sperren Sie seine Konten?"

11. Sprecher:

"Kann man im Gefängnis Geld verdienen?"

1. Sprecher:

" Erpressern ins Scheckbuch zu schauen gehört nicht zu meinen Aufgaben. Ich bin von der Kripo, nicht von der Finanzbehörde...!!!!"

Abruptes Ende der Pressekonferenz und Überblendung zur Baratmosphäre in Rio

2. Sprecher:

"Mit der Verhaftung des

"Bombers

" war der Fall für mich erledigt. Nur ... jetzt würde ich doch gerne wissen, was damals eigentlich ablief."

1. Sprecher:

"Wissen Sie, Inspektor, es ist mir damals gelungen, die Frage von Belineks Finanzen bis zur Verhandlung und darüber hinaus nicht zum Gegenstand des Strafprozesses zu machen. Es wurde ausgeklammert. Mit den Medien hatte ich bis dahin Einzelverträge ausgehandelt. Sagen wir, das Geld wurde in einer gesetzlichen Grauzone ausgezahlt ... auf Konten, die der

"Bomber

" vor seiner Verhaftung auf mich überschrieben hatte."

2. Sprecher:

"Wie war das eigentlich mit dem Buch?"

1. Sprecher:

"Ja, seine Memoiren ... Die hat er während seiner ersten zwei Monate im Gefängnis geschrieben. Deren Verkauf hat offen gesagt dazu beigetragen, seine Verdienste auf eine legale Grundlage zu stellen. Dadurch verlor sich auch das Interesse an der Frage, ob es rechtens war, dass er im Gefängnis Geld verdiente oder auf wessen Konten es letztendlich landete. Obwohl ich zugeben muss, dass mich die Höhe der Beträge ganz schön schwindelig gemacht hat."

2. Sprecher:

"Es wurde gemunkelt, dass ein Sender eine halbe Millionen geboten hatte."

1. Sprecher:

"Inspektor! Als ich kurz vor der Verhandlung eine Zwischenbilanz zog, war Belineks Vermögen auf meinen Konten auf gut zweieinhalb Millionen angewachsen, und als das Interesse der Öffentlichkeit nach dem Erscheinen der Memoiren abzuflauen begann, betrug sein Reichtum ganze zwei Millionen Euro – damals noch annähernd vier Millionen D–Mark!"

2. Sprecher:

"Das hat sich gelohnt."

1. Sprecher:

"Die Sache hatte allerdings einen Haken. Hätte ich damals schon gewusst, was auf mich zukommt ... ich hätte sofort die Konten leergeräumt und wäre außer Landes gegangen."

2. Sprecher:

"Erzählen Sie...Aber vorher trinken wir noch einen, und der geht auf mich... Joaquin, noch zwei Captain Morgan!"

1. Sprecher:

"Danke, Inspektor. Also, das war damals am Tag der Urteilsverkündung in Frankfurt – vor sieben Jahren..."




© Stefan Wölfel 2003


... und weiter geht's in der nächsten Ausgabe.

Auszug:

... aus Der Klempner und der schlechte Schütze:

Tropfender Wasserhahn
Tropfender Wasserhahn
Ein Schuss
Mehr tropfende Wasserhähne
Noch mehr Schüsse
Endlich: Ein Schrei!
Fortsetzung folgt!!!

Ernst gemeinte Produktionsangebote bitte an textory@gmx.de