Lad Dir einen Affen!
Glosse von Stefan Wölfel
Neulich wanderte folgende Meldung über meinen Bildschirm:
"6 647 395 lautet die Nummer des Patents, das die US-Behörden dem recht umtriebigen Geschäftsmann, Künstler und Experten für Künstliche Intelligenz namens Ray Kurzweil für seine Software "Cybernetic Poet" zusprachen. Dieses Programm kann den Stil eines Dichters analysieren und dann selbst ähnliche Texte verfassen. Die Software kann von der Homepage des Künstlers heruntergeladen werden. Die Installation ist für Win 95 und 98 empfohlen. Neben diesem Poesie-Programm hat Kurzweil auch eine ähnliche Software für Malerei ersonnen, die ebenfalls zum Download bereitsteht." (Quelle: www.newsflash.de)
Liebe Leserinnen und Leser, eine solche Steilvorlage darf ein verantwortungsbewusster Schreiberling nicht vorüberziehen lassen: Wetzt den Bleistift, schiebt Patronen in die Füller, lasst die Tastaturen rattern wie MG-Salven! Attacke!!!
Und los geht's: Kennen Sie die Theorie, nach der nur genügend Affen, Schreibmaschinen, Papier und Geduld vorhanden sein müssen, damit einer von diesen Affen das komplette Werk Shakespears abtippt? Nach Kurzweils Idee sind die Affen überflüssig geworden, die Schreibmaschinen mutierten zu Computern und Poesie besteht aus Versatzstücken, die einfach nur kombiniert werden müssen. Ist es wirklich so? Tja, liebe Autoren, Journalisten und Poeten, dann schaltet eure Computer ein und geht solange in die Kneipe. Wenn ihr wieder in eure Schreibstuben zurückwankt, haben die virtuellen Heinzelmännchen schon die ganze Arbeit gemacht. Schöne neue Welt, oder?
Inspiration und Phantasie sind ja nichts weiter als elektrische Impulse im Gehirn eines Wesens der Art Mensch aus der Gattung der Säugetiere, einem ausgesprochen nahen Verwandten eben jenes Affen. Doch wollen wir fair bleiben: Warum soll Poesie nicht auch Produkt einer künstlichen Intelligenz sein? Es dürfte schließlich recht spannend werden, wenn lang erwartete Fortsetzungen zu Meilensteinen der Homo-sapiens-Literatur wie von Geisterhand am Bildschirm entstehen: "Don Quijote III: Die Nemesis des Sancho Pansa" oder neue Falstaff-Kapriolen in "Die noch lustigeren Weiber von Windsor". Ovids Liebeskunst wird eventuell um einige Metamorphosen erweitert. Die Bibliothek zu Babel wird aus allen Nähten platzen. Es macht nichts aus, dass die Bibliothek von Alexandria einst von Kleingeistern niedergebrannt wurde; der Cybernetic Poet dichtet den Bestand einfach nach. Da könnte man sich sogar der Hoffnung hingeben, die Software würde vielleicht einige von Platons Dialogen rekonstruieren und wir endlich herausfinden, wo Atlantis liegt. Allerdings will ich gar nicht wissen, was dabei herauskommen könnte, wenn man diesem Programm das Machwerk des österreichischen Anstreichers vorsetzt. Nun nennt man diese Art von Patent, das Kurzweil zugesprochen wurde, im Juristenjargon Trivialpatent. Es gibt keinen treffenderen Ausdruck.
Trotz allen spöttischen Seitenhieben lässt sich ein ungutes Gefühl nicht unterdrücken: In Orwells 1984 wird die gesamte Kunst von Maschinen in Ministerien erschaffen. Und wer in der Politik Bescheid weiß, dem dürfte einleuchten, dass auch in heutiger Zeit wenig Poetisches aus Amtsstuben zu erwarten ist - mit oder ohne Computer. Aber das ist auch schon der einzige Unterschied zu 1984. Ray Kurzweil, ein Experte für Künstliche Intelligenz, kennt seinen Orwell ganz genau, und er ist sich dieses unguten Gefühls durchaus bewusst. Nicht ohne Hintergedanken schuf er dieses Programm im Kontext der Diskussion um die technischen Innovationen unserer Tage. Sein Cybernetic Poet ist eher ein Diskussionsbeitrag denn eine Spielerei. In seinen theoretischen Arbeiten versucht er im technischen Labyrinth unserer Epoche ethische Hintertüren zu finden: "... uns bleibt nur die Wahl, hart zu arbeiten, um diese höchst wirksamen Technologien zur Beförderung unserer Werte anzuwenden - auch wenn anscheinend öfters Streit darüber aufkommt, welche Werte das sein sollten." Bis dieser Streit ausgefochten wird, legen wir die Beine hoch, laden uns den Affen in den Computer und lassen ihn all das ersinnen, was Huxley, Orwell oder Kafka vielleicht aus gutem Grund nicht einfiel.
© 2003 Stefan Wölfel

