MEDIAS RESt in peace
Die Kolumne zum Zustand moderner Unterhaltung
Zapp Eins
Ach, Freunde, wie bitterlich musste ich doch neulich weinen. Den Fernseher einzuschalten und mitzukriegen, was Programmverantwortliche denken, dass Zuschauer gerne vorgesetzt bekommen möchten, wirkt doch wie eine auf die Augen gedrückte Zwiebel. Muy irritante! Da kommt man nach getanem Tagwerk nach Hause, wirft sich aufs Sofa und beginnt die muntere Zapping-Runde. Nach etwa drei bis vier Minuten ist man durch alle Programme durchgehechelt und kann getrost wieder abschalten, weil man weiß, dass man gar nichts verpasst hat.
Meistens laufen just in jenem Moment, wenn man sich wie ein waidwundes Tier erschöpft aus der Tretmühle des Seins in seinen Bau verkriecht, staffelweise Vorabendserien, die das Häuflein Mensch wieder in jene Realität zurück katapultieren, der man sich gerade entflohen glaubte. Scary! Man erschrickt zutiefst, denn das ist doch nun wirklich zu real! Wenn ich mir die bittere Realitätspille geben will, dann schau ich Bergmanns Szenen einer Ehe, und schon bin ich suizidgefährdet. Das passiert mir zwar auch bei Vorabendserien, aber mit weit weniger Kunstgenuss.
Man kennt es ja: Die Tür aufschließen, und schon betritt ein viel zu introvertierter Hamlet die Bühne des Dramas, zumeist die Küche, und grübelt darüber nach, ob er heute Abend nun lieber Godzilla vs. Mechgodzilla Teil Zwei oder irgendeine Star-Trek-Generation ansehen möchte. So angestrengt nachdenkend wird er sofort von der Nemesis ereilt: Gattin, Freundin, Lebenspartner spürt natürlich, dass ihn etwas beschäftigt und fragt "Was denkst du?" - jener schreckliche Satz, der selbst dem abgebrühtesten Splatter-Fan das Blut in den Adern gerinnen lässt, denn er scheint direkt aus einer dieser schrecklich realen Daily Soaps zu stammen. Natürlich hält Hamlet jene Gedanken, die ihm da durch den Kopf gehen, für schrecklich trivial (wenn nicht gar banal) und sagt lieber "Nichts..." Falsche Antwort. Beziehungspunktabzug. Gehen Sie auf der Stelle in den Schmollwinkel, gehen Sie nicht über das Wohnzimmer, streichen Sie keinen "Hallo-Schatz-wie-war-es-heute-Kuss" ein. Setzen Sie einmal aus, bis Ihr Partner wieder mit Ihnen redet. Ach, Ophelia, lass doch bitte etwas Wasser ein und steig schon mal in die Wanne!
Vorabendserien nennt sich das? Und ich weiß jetzt auch, warum das so heißt! Man fühlt sich wie am Vorabend des Untergangs. Oder wie am Vorabend der Ewigkeit. Die Melodie von Eve of Destruction wurmt sich durchs Ohr. Finito! Sense!
P.S.: Wenn es einen Vorabend gibt, muss es logischerweise auch einen Nachabend geben. In der Science Fiction existiert ein Subgenre, das sich Post Doomsday nennt. Das beschreibt in etwa einen Zustand, der sich einstellt, wenn die Nachrichten vorbei sind. Wie bei The Day After. Und nun zum Wetter...
© Peter Escher 2003

