MEDIAS RESt in peace
Die Kolumne zum Zustand moderner Unterhaltung
Zapp Zwo
Man weiß unweigerlich, dass man nicht mehr jung ist, wenn man sich beim gelangweilten Dahinzappen zu MTV oder VIVA verirrt. Die musikalischen Geschmacksrezeptoren im Gehirn scheinen gern mitzualtern. Dann ist einem plötzlich der Heavy Metal zu laut, der Pop zu bunt, der Rap zu fäkalwortbeladen ... und der Hintern zu schwer, sodass man nur noch bestuhlte Konzerte durchstehen kann. Und früher war ja sowieso alles besser!
Neulich erlebte ich mal wieder eine Achterbahnfahrt in die tiefste Grotte der populären Musik: Auf einem der Musikkanäle, die unsere Sichtweise durch furiose Bildschnitte derart revolutionierten, dass man als Zuschauer bei zu langen Einstellungen unwillkürlich einzuschlafen droht, plapperte eine Rapband hübsch gereimt vor sich hin. Das Video: handelsüblich mit viel Weichzeichner und gewagtem Schnitt! Der Text: Wortschatzerweiternd im Begriffsfeld der Gosse. Die Requisite: Du liebe Güte!
Da hampelten die Ghetto Kids goldkettchenbehangen in Designerklamotten vor einer Marmorvilla umher, schmissen mit Dollarscheinchen um sich, rasten mit einem Ferrari durchs Abendrot, umgaben sich mit busenschwingender hüftenwackelnder Weiblichkeit ... und sangen von: Armut!
Yo, man!
Zeitsprung! Ich hatte die Stotterbrüder schon mal gehört. Äonen ist es her. In ihrem ersten Video hüpften sie noch um die brennende Mülltonne. Heute wirkt es wie tonnenweise tönender Müllbrand. Klar! fuhr es mir durch den Kopf, die Slumkinder sind jetzt plötzlich speisatt. Eben noch arm wie Kirchenmaus, nun reicher als King Krösus. Aber das Leben ist nun mal kein Entwicklungsroman. Die weiten Klamotten verbergen jeden Wohlstandsrettungsring, den sie sich in rhythmisch rausgeblubberter Not erkämpft haben. Kopfschüttelnd drückte ich das Slumgestammele per Fernbedienung aus wie ein abgefüllter Raucher seine letzte Kippe.
No, man!
Dann traf mich aber der Schlag. Und zwar der Historische! Der Werdegang der Gangstas hat mich in einen heftigen Rekurs gestürzt, der beinah kosmische Maßstäbe annahm. Erinnern wir uns: Zwischen 1918 und 1933 tanzten auch wir in der Mehrzahl um brennende Mülltonnen, weil wir alle so schrecklich arm waren. Und danach bis 1945 erst recht, nur hatte aus Gründen geistiger Notdurft die Mülltonne inzwischen die Größe der ganzen Welt angenommen, die da vor sich hinbrutzelte und wir wie auf Eiern drumherum Ringelrein tanzten. Dann haben wir uns nach 1945 wieder befreit auftanzend zwischen Trümmerbergen und immer noch brennenden Mülltonnen (da waren jetzt die Parteibücher drin) vergnügt. Bis uns ein US-Marshall einen Plan vorlegte. Seitdem läuft die Soap Opera vom Wilden Westen. Auch so ein Musikvideo, aber mit Reihenhaus, Golf GTI und Sonderangebotsklamotten, aber leider mit viel schrägeren Tönen und einem sich nicht einstellen wollenden Happy Ending. Wir singen trotz Reichtum immer noch von Armut.
Dann bin ich bei einer Doku gelandet. Nach Hitlers Helfern, Frauen, Richtern und Henkern kam ein neuer Aufklärungsfilm: Hitlers Haustiere. Mit freundlicher Unterstützung von Hundefutter Inc. Der Unterhaltungsgaul wird von hinten aufgezäumt: Doggie Style Entertainment! Zappzerrapp, war ich schon wieder zurück bei MTV. Da lernt man doch was fürs Leben!
Omannomannomann!
© Peter Escher 2003

