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Divide et impera

Glosse von Stefan Wöfel

Machen Sie sich manchmal auch Sorgen um das Zusammenleben, das Zusammenkommen und das Zusammenschreiben? Besonders um Letzteres sollte man in diesen Tagen wahrhaft Ängste durchstehen, denn entgegen allen Integrationsbemühungen auf vielen Ebenen des täglichen Lebens wird das umfassende Konzept der Trennung in Schülerköpfen auf äußerst subtile Weise zementiert. Teile und herrsche ist das Motto des Paradigmenwechsels, obwohl schwer vorstellbar ist, dass Schüler durch Wortaufteilungen plötzlich die Rechtschreibung beherrschen. Aber man darf schweren Mutes aufseufzen, denn die Zeit ist vorbei, in der zusammenwächst, was zusammengehört. Ab jetzt wird getrennt - und vor allem getrennt geschrieben! Das ist wohl bekannt, auch wenn es sich besser anhörte, es sei wohlbekannt. Aber wie kann man Einheit wieder herstellen, das heißt, neu produzieren, im Gegensatz zu wiederherstellen im Sinne von erneuern? Es sei dahin oder sonstwohin gestellt, ob hoch gestellte Persönlichkeiten so hochgestellt sind, dass sie auf ihrem hohen Ross oder Sockel oder Reichstagskuppel Einfluss auf solch groben Unfug nehmen könnten. Die Polizei setzt derweil auf Demonstranten überzeugende Gummigeschosse. Das hört sich anderntags in der Zeitung weitaus humaner an, wenn Demonstranten Projektile auf dem Kopf balancieren. Eigentlich ist in diesem Fall die Objektzuordnung völlig egal, da es sich sowieso um Subjekte, meist kriminelle, handelt.

Es ist eben Schluss mit Lustig! Auch dem Wort soll Individualismus eingebleut, pardon, eingebläut werden, und auf diesem Weg Schüler gar nicht erst auf den Gedanken kommen, bestimmte Dinge ließen sich einfach so zusammenfügen. Beispielsweise Ost und West, Links und Rechts, Religion A plus Religion B plus Religion C minus Nietzsche mal Marx im Quadrat ist gleich Gott ist tot. Oder einfach nur ein Türke und ein Deutscher. Oder ein Asylbewerber und ein Rostock-Lichtenhagener. Nein, wir sollen uns nur zusammen fügen unter der neuen Knute! Das ist die einzig zulässige Gemeinsamkeit.

Man sollte wirklich ein Zeichen gegen die allseits grassierende Trenneritis setzen. Beispielsweise könnten sich Frankreich und Deutschland zu einem Land zusammenschließen. Das wär doch was: Brie auf Schwarzbrot, Froschschenkel mit Sauerkraut, Bier-Wein-Schorle. Schröac und Chiröder könnten ein Staatsgebilde ausrufen, das bestimmt als gelungener Kompromiss aus zentralistischer Staatsgewalt und föderalem Gedanken viel Schwung in den EU-Eklektizismus bringen könnte - und sprachlich eine Menge bieten dürfte. Allein die Namensgebung eröffnet ungeahnte Möglichkeiten des Ausdrucks, besonders hinsichtlich der Zusammenschreibung: Vielleicht nennten wir es "Framagne", auch wenn es sich wie Käse aus Isigny anhört. Am Besten wäre hingegen "Alleance", das wäre eine belle alliance, das hat doch was! Nur bei den deutschen Begriffen regte sich Unmut: "Frankland" kommt mehr wie eine Schnapsidee anlässlich der Bergkirchweih daher, und "Deutschreich" dürfte wohl Einheimische wie Nachbarn verschrecken, nicht nur an 8. Mais und 9. Novembern.

Aber das wird auf ewig ein Traum bleiben, denn die Deutschen dürfen ja nicht mal mehr zusammen schreiben. Heißt das nun, dass wir etwas gemeinsam schreiben, oder nur, dass wir einer grammatischen Regel folgen?

Nein, das heißt nur eines: Der Kontext wird wichtiger, wenn die Begrifflichkeit versagt. Wie vielsagend wäre es, nichts sagend zu verbleiben? Oder wieviel sagend wäre es, nichtssagend zu verschwinden? Aber der Spitzfindige wird wohl behaupten, es gehe ja nicht ums Sagen, sondern ums Schreiben, daher sei die Meinungsfreiheit grundsätzlich und grundgesetzlich gewahrt. Aber hüten sie sich! Lassen Sie sich nicht auseinanderdividieren und reißen Sie sich zusammen, bevor alles zusammenfällt! Denn bedenken Sie: Favorisiert wird ab jetzt die Trennung. Von allem, was uns nicht passt...

© Stefan Wölfel 2005