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Zurück in finsterer Zeit

Glosse von Stefan Wölfel

Sicher sind Sie ebenso wie ich verunsichert von all dem landaus, landein vorpreschenden reformatorischen Eifer. Damit meine ich wohl kaum den unsäglichen Luther-Film, den man uns als Preludium für etwaige weitere Gehirnwäschen vorsetzte und in dem jedweder Geist, selbst der des seligen Ustinov, von protestantischer Rigidität erstickt wurde. Auch nicht all das wichtigtuerische Gerede über die Geldumverteilung von unten nach oben, die man allenthalben als Reform verkauft und dabei den Leuten, die noch ein wenig besitzen, einredet, sie seien an der allgemeinen Misere schuld (und darum sollten sie tunlichst auf einem Formular vermerken, wie viel es eigentlich noch sei, das sie ihr Eigen nennen, um auch ganz genau herauszufinden, wie viel man ihnen noch nehmen kann, bevor man Ihnen überhaupt ein Almosen anbieten mag). Nein, das meine ich auch nicht. Die Hand, die herrscht, greift nicht nur nach dem Geldbeutel, sondern auch nach niedergeschriebenen Gedanken. Ein weiterer Generalangriff steht bevor, ein neuerlicher Schritt in das ewige Gestern: Die Reformatoren werden unverhohlen zu Revisionisten, die Wiedereinführung des Altschreib soll alles ersticken, was neu aufkeimen könnte. Da sollten manche lieber doppeldenken.

Aber! Wenn wir schon sozial einen Schritt zurück machen sollen in die Epoche Krupps und Bismarcks und im Zeichen globalerer Zeiten dies auch noch schriftlich zementieren mit der Rücknahme hart erarbeiteter Errungenschaften, so wage ich einen Vorschlag: Warum machen wir nicht gleich einen noch mächtigen Satz weiter in das von Wirtschaftswissenschaftlern und anderen Neos so heiß umschwärmte Mittelalter und führen das Mittelhochdeutsche wieder ein? Das wäre wahrhaft revolutionär (und nicht nur reformatorisch)! Da sich zu dem sowieso schon vor sich hinwütenden Kreuzzug wohl bald wieder Leibeigenschaft und Kinderarbeit hinzugesellen werden, habe ich mich schon einmal darauf vorbereitet (with a little help from old friends, namentlich Ulrich von Gutenburg, Hartwig von Rute, Heinrich von Morungen, Reinmar der Alte, Burggraf von Rietenburg und Der Spervogel). Es wäre ja schlimm, wenn mich in der neuen Zeit, dem alten Gestern, das da künftig unser harrt, niemand mehr versteht. Nebenbei, wer Rechtschreibfehler findet, darf diese selbstverständlich behalten und nach Pisa tragen.

mir tuot ein sorge wê in mînem muote, mîn leben ist müelich und sûr. wol ich sîhe, daz diu herschent und ander tôren niemen mit wîsem rât gedienen mac. mich beswaerent alle diu, der worte niht so sinnic sîn, daz sî scribent und niht wizzen wie, und spottent doch dar under mîn. diu sint übel und bin ich guot wand ich niemer rehten man gehazzen wil, so er rehte tuot? ich weiz wol, solt ez sîn, ez zieret ouch dem jungen man wil er ze vil gewizzen, dô wîser rât ist alters zier. dîsen unwîsen rât hât der tumbe man von munchen gegeben, unser leit daz ist sîn spil. ez zîmt in disen zîten wol naren alt und junc daz sî vro und âne witze nach alten tagen gern. unsaelic diu swaere stunde, unsaelic diu zît, dâ daz verholne wort gie von dem munde und gescriben linker hant. so vröit den ungeslahten tôren zaller zît daz sin witze vîl sanfte entslâfen. daz swachte sêre mînen muot. nu ruoche ich: versuochet ez! wirt ez bezzer umbe daz? manec alt, sô lützel lûter, schoener und klâr. swaz sî mir und mînem wort getuon, sô lazte ich niemer mînen strît gegent diu alten liute diu da herschen unde vlouche gegent al die juncnaren âne muot ze lernen: nu nemet iu crûce und varet dâhin und lîdet tûsend jâr! ich swüre wôl, ich leb im worte. niuwe unde alte. in triuwe sunder riuwe. ewiclîch. amen.

post scriptum: in Spervogels tône sîs geseit: Swer den wolf ze hirten nimt, der vât sîn schaden.

manec grüeze

© Stefan Wölfel 2004