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Gehirnwaschabtrockentücher

Glosse von Stefan Wölfel

Kennen Sie noch den Billigen Jakob? Der stand immer auf Wochenmärkten und verkaufte Firlefanz, den kein Mensch braucht. Mit seinem losen Mundwerk überredete er den verstocktesten Geizhals. Der Bursche ist Vergangenheit. Wir müssen nicht mehr bei Eiseskälte auf den Wochenmarkt. Einfach nur vor dem Fernsehsessel lümmeln, HOT oder QVC einschalten oder bei den Dauerwerbesendung nicht mehr wegzappen, sondern voll einsteigen. Nur eine Mattscheibe mit Kabel– oder Satellitenanschluss sowie eine gedeckte Kreditkarte, und schon geht's ab in die schöne neue Konsumwelt, um Firlefanz zu kaufen, den kein Mensch braucht.

Aber etwas haben die Moderatoren der Dauerwerbesendungen mit dem Billigen Jakob gemein. Nein, nicht den Preis. Der Jakob war wirklich günstig. Es ist das Mundwerk, das Ottonormalverbraucher verblüfft. Obendrein ist es auch noch grottenschlecht und komplett ohne Timing synchronisiert.

Dann fällt einem plötzlich auf, was für ein schlechter Schauspieler Chuck Norris ist, wenn er nicht mehr als Texas Walker rangt, sondern via Dauerwerbesendung erzählt, wie er seine müde gewordenen Knochen mit einem Torturgerät aus Torquemadas Inquisitionskeller fit hält. Für schlappe 299 Mäuse kann man sich damit zu Hause selber foltern. Heutzutage muss ja alles bequem sein – sogar das Fitness–Training.

Zu Hause auf der Fernsehcouch wird verzweifelt versucht, das Waschbrettbauch–Ideal unserer bulimiekranken Körperkultur nachzuäffen. Als ob es nicht schon genug Bewegung darstellt, sich aus dem Kühlschrank noch ein Bier zu holen und die Chipsbrösel von der Couch zu fegen.

Einen Farbstift, der – Oh Wunder! – Kratzer am Auto verschwinden lässt, gibt es schon, aber Abtrockentücher für die Gehirnwäsche der Zuschauer sind noch nicht angeboten worden. Also Augen auf und den Verstand vor Inbetriebnahme des Fernsehgeräts bloß nicht an der Garderobe hängen lassen.

Was waren das für Zeiten, als wegen ein paar Minuten Kinowerbung die 68er aufschrieen: "Konsumterror!!!" Heutzutage wird ja sogar ein Werbespot als Kunstform goutiert (vielleicht als eine verrätselte Form von Dadaismus?).

Aber was soll's. Wenn in ein paar Jahren die Nullerjahre sich dem Ende zuneigen, wird auch ein Schreiberling einen Nachruf auf die Dauerwerbesendungen der 90er schreiben. Wenn alles nur noch interaktiv via Net abgerufen wird, dann wird manchen die Nostalgie packen. Bis dahin: Halten Sie Ihr Geld zusammen!

© Stefan Wölfel 2003