Good-bye Johnny
Nachruf von Stefan Wölfel
Eine Glosse braucht kein Vorwort. Ein Nachruf, der unter der Rubrik "Glosse" steht, schon. In Ermangelung einer entsprechenden Rubrik wird dieser Text eben an dieser Stelle ins Netz gehen. Aber um Funktion und Aussage mache ich mir trotzdem keine Sorgen.
mfg
Schreiberling Wölfel
Gern erinnere ich mich an Studentenparties. Da war immer die halbe Welt dabei, das Geschnatter nährte sich von Sprachen aus fünf Kontinenten. Üblicherweise dröhnte beinharte Musik aus den Boxen, denn selbst ein gebildeter Mensch lässt sich nur ungern ein Weichei schimpfen. Eine Feier blieb mir ganz besonders im Gedächtnis haften: Da wummerte Motörhead und Nirvana aus den Boxen und ich versuchte bei einer herrlich aufgedrehten Austauschstudentin aus Wisconsin zu landen.
Da geschah es, dass einer der Studenten, ein langhaariges, bärtiges Erstsemester, seine Klampfe auspackte, mehr schlecht als recht stimmte und daraufhin höchstselbst Lemmys göttliches Killed By Death ausknipste. Als die Stereoanlage schwieg und sich ein gespannter Kreis aus Zuhörern vor dem Mann mit der Gitarre am Boden lümmelte, erscholl auch schon der erste Song: "Man In Black".
Nun kannte ich das Lied bis dahin nicht, und auch der Hinweis eines Gastes, es handele sich bei der Darbietung um Country & Western, ließ mich mehr fröstelnd als aufgeklärt zurück. Hielt ich doch diesen Stil für einen glatten Verstoß gegen die Genfer Konvention.
Der Bursche konnte nur schräg singen und leidlich mit dem Instrument hantieren, und beinah war mir, als sei Sid Vicious vor meinen Augen und Ohren zum Hippie mutiert und krakeelte munter vor sich hin. Das Lied hätte von den Ramones sein können, so wenige vehement in die Saiten gehämmerte Akkorde besaß es.
Bei "A Boy Named Sue" bogen sich die Leute vor Lachen - zugegeben, der Text ist zum Schießen! Hätten wir alle Revolver gehabt, so hätte es wie in einem Western Saloon geknallt... Gosh! Mud n Blood n Guts n Beer! Doch blieben alle schön ausgeflippt brav.
"General Lee" ließ alle dahinschmelzen, auch wenn ich zugeben muss, dass ich die Aussage jenes viel zu hymnischen Songs damals falsch verstand. Mir leuchtete erst später ein, dass ich wohl etwas zu verkrampft an die Sache heranging. Ein wildes Lied über einen Mord im Kokainrausch, ein paar Takte schneller als das Original hinausgerotzt, dass es fast tanzbar war, wurde umjubelt.
Dies war meine erste Begegnung mit Johnny Cashs Liedern, und ich gebe heute gerne zu, dass selbst die zweitklassige Darbietung diesen Liedern nichts anhaben konnte. So kristallklar sprach der Geist, der sie ersonnen hatte, und der sich gerne in mahnender und bisweilen furchterregender Pose seinen Zuhörern zeigte: "Solang die Dinge nicht besser werden, bin ich der Mann in Schwarz!" Wenn ein Musikstil am meisten von ihm gelernt hatte, dann muss es der Punk gewesen sein.
Später erst erfuhr ich von Widersprüchlichkeiten Johnny Cashs, seinem wütendem Protest gegen den Vietnamkrieg und seinem trotzigen, aber widerlichen Faible für Dick Nixon. Seinem Einsatz für die Vergessenen der Gesellschaft. Seine Konzerte in Gefängnissen (bei denen, wenn ich jene Mitschnitte auf den Plattenteller lege, mir immer wieder wie ein nicht wegzudenkender Untertitel Georges Simenons Worte "Niemand ist ein Verbrecher" in den Sinn kommen). Und auch sein christliches Engagement, auch wenn mir persönlich solch ein Antrieb suspekt erscheint. Ja, am Ende wurde er gar bibelfest. Aber es sei ihm gegönnt, ein wenig Ruhe für Geist und Seele zu finden. Er sang von Taten des Schreckens, von Sühne und von Reue: fröhlich, freundlich, gütig - und Gott sei Dank auch ein bisschen frech! Orpheus ging über die Hadesbrücke und blickte sich nach der Menschlichkeit um, als sie schon verloren war.
Gern hätte ich mich mit ihm unterhalten und mehr noch gewünscht, seine Lieder hätten mich bereits mein ganzes Leben begleitet. Nicht erst seit er sich selbst und seine Gitarre mit den American Recordings wiederentdeckte. Johnny Cash entsprang etwa demselben Jahrgang wie meine Eltern. Vielleicht klang mir deshalb seine Stimme so vertraut. Heute ist er gestorben, und mir tut es fast mehr weh als das Ableben des wilden Fauns Freddy Mercury ein Dutzend Jahre vorher. Die Party ist vorbei. Die Festgäste verstreut in alle Winde. Aber dieser magische Moment der Begegnung auf jener Fete bleibt auf immer in meinem Herzen.
PS: Die sagenhafte Amerikanerin verließ mit dem Sänger die Feier - Orpheus Stimme ist halt immer die mächtigste in solchen Dingen. Aber manchmal, in stillen Momenten, da denke ich noch an die Kleine aus Wisconsin. Zum Klang von Johnny Cash.
© Stefan Wölfel 2003

