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Menschsein

Glosse von Stefan Wölfel

Wissen Sie eigentlich, liebe Leserinnen und Leser, wie viel in dieser Welt die Vermittlung ethischer Grundprinzipien unseres Zusammenlebens wert ist? Oder wie viel gute Erziehung und die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen durch tadellose Manieren heutzutage zählt?

Leider gar nichts!

Sie glauben mir nicht – das kann ich bis hierher in meine Schreibstube riechen. Nun, dann will ich Ihnen von dem finsteren Ort erzählen, von jenem Schwarzen Loch in der Seele unseres westeuropäischen Menschseins, in dem jede humane Regelhaftigkeit automatisch außer Kraft gesetzt wird: das Automobil!

Ein Bekannter, ein durch und durch wohl erzogener und gebildeter Mensch, intelligent und zuvorkommend, sensibel und offenherzig, der jedes Mal schier verzweifelt, wenn in der Zeitung von einem Mord berichtet wird und sich rechtschaffen darüber aufregen kann, wenn irgendwo auf der Welt mit Waffengewalt genommen wird, was nicht durch Geduld und guten Willen tauschbar gemacht werden kann – jenes freundliche Wesen wird zum Primaten, sobald er in seinen Wagen steigt.

Dann ist er ein Troglodyt, der gerade die Entdeckung gemacht hat, dass sich Schädel durch herumliegende Steine, Äste oder Knochen viel besser als durch Handarbeit einhauen lassen. Er beginnt zu fluchen, wenn vor ihm zu langsam gefahren wird, bekommt Zuckungen, wenn einer aus heiterem Himmel mir nichts, dir nichts bremst, und gestikuliert mit obszönsten Handbewegungen, wenn einer beim Einparken keinen Blinker setzt. Natürlich, er muss ja irgendwie seine Schrecksekunde durch spontane Aktivitäten kompensieren, wenn er bis auf ein oder zwei Meter an den Vordermann heranfährt, egal ob bei Tempo 30 oder 180.

Aus einem unerfindlichen Grund heraus besteht das Leben im 21. Jahrhundert nur noch aus der Überholspur. Alle anderen sind schwächliche Feinde, die man mit einem konquistadorischen Schlenker hinter sich lassen muss. Sein Vokabular im Angesicht schleichender motorisierter Gemütlichkeit lotet semantische Untiefen aus, die nicht einmal mehr die verkommenste Gosse bedienen kann – der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Seine Bestürzung gilt dem Entschluss des Herstellers, die Motorleistung eines Vehikels auf 250 Stundenkilometer zu drosseln, sein Ärger jedweder Geschwindigkeitsbegrenzung. Denn logischerweise ist die Straße erst frei, wenn man alle anderen hinter sich gelassen hat.

Die völlige Verkennung von Relativität und Realität ist Kennzeichen jedes Primaten, der nur nach jenem genetischen Muster funktioniert, das als erfolgreichstes Körperteil den Ellenbogen hervorgebracht hat – erstaunlich, dass sich damit ein Automobil lenken lässt. Aber auf der Straße ist der Staat der Feind: Angesichts seines Flensburger Punktekontos, Geldstrafen, Führerscheinentzüge, Nachschulungen und diverser Tests fühlt er sich wie Isaak auf dem Opferaltar und führt ein Gestus in seinem Repertoire, der an ein Kind, dem man den Teddy vorenthält, oder wahlweise an einen Dostojevski vor dem Erschießungskommando erinnert.

Aber ansonsten ist er ein netter Kerl, auch wenn alle anderen Idioten sind. Ich trinke mit ihm gerne ein Bier oder mehr, je nach Lebenslage. Aber fahren werde ich nicht mehr mit ihm. Das schulde ich meiner Liebe zum gewählten Wort und meiner Einstellung, dass der Weg das Ziel ist!

© Stefan Wölfel 2003