Das Wort zum Montag
Glosse von Stefan Wölfel
Das Wort zum MontagAlles was an Montagen über den Äther rauscht kann man getrost als Verlegenheitssendungen ansehen und gleich abschalten. Denn erst dienstags wühlt sich die Realität aus der Katerstimmung. Geben Sie es doch zu! Auch Sie haben tiefstes Verständnis für bereits im Katalog rostende Montagsautos, wenn Sie am Wochenanfang mit ach und krach an den Schreibtisch, das Fließband oder in die Schlange im Arbeitsamt kommen. Das Liegengebliebene von letzter Woche, das sich mit grässlichem Mief der Abgestandenheit vor einem auftürmt, vermengt sich auf dem Grunde der verstörten Seele mit dem schwarzen Loch der Müdigkeit zu einem Strudel, der einen in die Tiefe der Nichtigkeit reißt – oder wie Tolkien Gandalfs Montagssturz in Moria bezeichnet: "To the uttermost Foundation."
In einer solchen Situation kann man Verbrauchern am Rande des Nervenzusammenbruchs nicht alles vorsetzen. Selbst Montagsideen von Politikern und anderen Kanzlern werden darum immer erst dienstags veröffentlicht, wenn sich das Volk wieder halbwegs gefasst hat. Währenddessen muss unterhalten werden, und zwar auf Teufel komm raus. Mit Vorabendprogrammen, die sich bis zum Dienstagmorgen erstrecken, kommt die unerträgliche Seichtigkeit aus Mainz und anderen Sendestandorten angeschleimt.
Kein Wunder, dass einem so unheimlich zumute ist in unserer zwar quietschbunten, jedoch vor finsteren Herausforderungen strotzenden Welt. Auch wenig überraschend, dass nach Heimkehr von der Montagstretmühle der Genuss des Montagsfernsehens ein noch bestürzteres Gefühl hinterlässt. Das Programm zum Wochenanfang ist nur noch Pulverdampf von der großen Schlacht am Wochenende, bei der die Verantwortlichen ihre beste Munition gleichzeitig verschossen haben auf der Jagd nach Prozent– und Promilleziffern. Ergo: Am Montag gibt es nur Sachen zu sehen, die für das Wochenende nicht gut genug waren.
Leider trifft das Montagsphänomen nicht nur auf das Fernsehprogramm zu. Es gibt auch Montagsphilosophen. Die schaffen es in heutiger Zeit gerade noch bis Hegel, bevor ihnen die Luft ausgeht. Angeblich waren die darauf folgenden Philosophien entweder peinlich oder gefährlich und werden nicht mal dienstags behandelt. An Universitäten – vorzugsweise an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten – versucht man zum Beispiel die Marxistische Theorie durch einen Yin–Yang–Gegensatz zu ersetzen. Alles andere könnte man der aufgeklärten Studierendenschaft auch gar nicht zumuten. Die würden das sowieso nicht verstehen, weil sie Montagsvorlesungen prinzipiell schwänzen. Sozialphilosophisch gesehen ist seit 1989 jeder Tag ein Montag.
Da können einen auch die Steuerleute unseres leckgeschlagenen Schiffes kaum noch verblüffen, auch wenn sie unter Umständen durchaus ehrlich genug sind, sich selbst und uns anderen ihre ganz eigene, persönliche Mittelmäßigkeit einzugestehen, zumal diese schwerlich zu verbergen ist. Ein dicker Hund ist es allerdings, im gleichen Atemzug eben jene Mediokrität als eine grundsätzliche Lehre anpreisen, zu der es angeblich keine Alternative gibt. Stimmt. Vor allem an Montagen. Das ist im Leben so, im Fernsehen, in der Politik. Auch in Hollywood. Nicht nur dort fragt man sich, warum Wahlen an Sonntagen stattfinden. Weil die Menschen montags wieder zur Besinnung kämen und die Realität dann schwerlich mit den in Komplizenschaft mit Meinungsforschungsinstituten ausgehandelten Resultaten in Einklang zu bringen wäre. Oder wie könnte sonst einer Gouverneur werden, der so viel politischen Appeal hat wie eine Mozartkugel?
Das Schlimmste ist die Ergebenheit ins Schicksal, meine Damen und Herren. Nehmen Sie nicht alles hin, nehmen Sie lieber ein gutes Buch. Aber bitte kein Montagsbuch. Und wenn Sie Riesen vor sich auftauchen sehen, die mit rotierenden Gigantenarmen nach Ihnen greifen wollen, dann lassen Sie sich bloß nicht die guten Bücher wegnehmen und von einem dahergelaufenen oder vielleicht auch gewählten Sancho Pansa einreden, diese Riesen seien nicht gefährlich und am Besten hielte man sie ohnehin für Windmühlen!
Adieu, bis nächsten Dienstag!
© 2003 Stefan Wölfel

