Schwermut im Münchner Hades
Glosse von Stefan Wölfel
So manche Münchner, deren Arbeitsplatz irgendwo an der Dachauer–/Ecke Hanauerstraße liegt, kennen – und lieben wohl auch – jenen Moment in der Frühe, wenn der U–Bahn–Führer die letzte Station ankündigt: "Westfriedhof! Endstation! Alles aussteigen!"
Soundtrack zur Ankündigung eines Todes? Untergrundbahn zur Hölle? Der Horrorfilm zum Arbeitsbeginn? Solches und Ähnliches fährt einem in den Sinn, Zartbesaiteten vielleicht gar ins Gebein. Die Endstation an einem Friedhof war der beste Witz, den sich der Münchner ÖPNV leistete, abgesehen von den Preisen. Er entspricht in einer Humorskala zwischen Harold and Maude und Monty Python's Sinn des Lebens einem Ausschlag von etwa 6.0, also einem mittleren Beben des Zwerchfells. Und unwillkürlich fragt man sich, ob eine Trauergemeinde schon einmal den Sarg ihres Entschlafenen per U–Bahn zum Grab schaffen ließ. Als besonderen Service hätte der Schaffner den Zapfenstreich blasen können.
Einem klassisch gebildeten Arbeitnehmer stellen sich jedoch ganz andere Assoziationen ein: Den vom Ende daherplärrenden Schaffner, dessen schnarrende Stimme aus den Wagenlautsprechern einen manchmal ausgesprochen unsanft aus Morpheus Armen reißt, hält man dann für einen Charon, der sich auf der Odyssee zur Insel der Seligen wohl etwas im Fahrplan geirrt hat. Lethe wird auf diesem Unterwelttrip leider nicht verteilt – auf den Brainwash vor Arbeitsbeginn muss man halt großzügig verzichten. Ab und zu lässt man die Zerberosse von der Fahrscheinkontrolle an der Fahrkarte schnüffeln, dann öffnen sich die Türen, und man steigt hinaus in die betonierte Gruft. Aber alles in allem ist es kaum gruselig, denn ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich mich beim Aufstieg hinaus ans Tageslicht auf der Treppe aus dem Münchner Hades eines Blickes zurück schuldig mache, ob nicht zufällig eine Eurydike oder eine Persephone folgt, an der ich mich auf dem Weg zur Arbeit zumindest ästhetisch erbauen könnte. Doch nur zu schnell ist man wieder in der Realität, wenn der Arbeitsplatz ins Blickfeld rückt und noch wahre Herkulesaufgaben auf einen warten.
Doch was sollen diese Zeilen? Die Schwermut diktierten sie, denn bald wird es die Endstation Westfriedhof nicht mehr geben. Die Linie U1 wird weitergeführt, und bald soll sie nur noch eine Haltestelle von vielen sein. Und ob die künftigen Endstationen Georg–Brauchle–Ring oder Olympia–Einkaufszentrum soviel klassischen Appeal haben, wage ich zu bezweifeln. Ehrlich: Diese Endstation mit ihrem morgendlichen Memento Mori wird mir abgehen. Denn schließlich hat ein kleiner Tod inklusive Auferstehung einen ausgesprochen belebenden Effekt – auf dem Weg zur Arbeit zumindest.
Adieu, Endstation Westfriedhof.
© Stefan Wölfel 2003

