Wo bleiben die Toten?
Glosse von Stefan Wölfel
Die Kinder heut zu Tage, die sollten doch mal wieder etwas Gutes, Wertvolles und Brauchbares lesen. Zum Beispiel die Leiden des jungen Werther. Das nur ganz allgemein vorweg.
Wo gehobelt wird fallen Späne. Das ist klar, das war schon immer so. Aber warum ist es eigentlich so schwer, dass keiner eine Knarre zu Hause herumliegen hat? Ganz einfach, weil einem dann der Nächste nicht mit einem guten Stück Solinger Küchenmesser den Bauch aufschlitzen kann. Selbstschutz ist schließlich die Mutter der Porzellankiste, wenn die Paranoia umherschleicht: Die Nachbarn im anonymen Wohnblock werden meist morgens im Hausflur am Briefkasten angetroffen; das ist dann eine unheimliche Begegnung der verschlafenen Art. Aus den Augenwinkeln wird man über das metallene Briefkastentürchen hinweg misstrauisch gescannt und kommt sich so offengelegt wehrlos vor wie ein wandelnder Strichcode. Mit scheuem Gruß auf den Lippen und die Zeitung unterm Arm verdrückt man sich wieder in die eigenen vier Wände. Wahrlich, trauen kann man heute niemandem mehr, am allerwenigsten dem Nachbarn. Besonders wenn man Kinder hat. Dann ist jeder in Sichtweite ein Pädophiler, ein Massenmörder und ein Terrorist – und meist alles zusammen! Aber noch weniger kann man denen trauen, die Kinder haben!
Das mit dem Hobel und den Spänen war vorhin allerdings etwas unscharf formuliert, eigentlich sollte es heißen: Die Axt im Haus erspart den Henkersmann! Warum eigentlich müssen selbst Menschen, zu deren täglicher Arbeit der Umgang mit Waffen gehört, solche Dinger im eigenen Bunker haben? Weil das Leben in Deutschland richtig gefährlich geworden ist, seitdem es so viele Polizisten, Sicherheitspersonal und andere Waffensachverständige mit schulpflichtigen Kindern gibt?
Nimmt denn ein Straßenarbeiter seinen Presslufthammer in die eigenen vier Wände mit und stellt ihn nach Feierabend in den Wohnzimmerschrank neben Zementmischer und Explosionsramme? Sammelt er etwa solches Zeug auch noch und hat in seiner Garage ein Hoch– und Tiefbau–Horrorkabinett? Legt er die Dinger im Spielwahn immer wieder auseinander und fummelt an ihnen wie an einem Fetisch, um anderntags besser pressen, mischen oder rammen zu können? Oder wenn des nachts ein Finsterer zu nahe kommt, doht er dann knurrend mit Hammer, Ramme und Mischer: "Ey, Alter, verzieh dich, oder ich press dich platt, ramm dich runter und misch dich auf"? Mal ganz ehrlich, von Waffenfanatiker zu Affenfanatiker, ist die Auf– und Abbewegung mit dem Lappen auf dem geölten Lauf nicht wie Masturbation? Auch eine Art aus der Hüfte schießen? Dabei ließe sich Sperma leichter auswaschen als Blut. Man stelle sich doch das Kind eines Bauarbeiters vor, das den Presslufthammer in die Schule mitbringt und den Lehrkörper rhythmisch penetriert.
Ganz recht, da ist etwas Neues unterwegs. Die Gefahr kommt nicht mehr aus dem üblichen Sündenbocklager – es sind nicht mehr nur die bequemen Anderen, der wortkarge grußlose Nachbar, der verdächtige Obdachlose, der lungernde Punk. Man ist dann immer so betroffen, wenn der Sprössling vom sauberen Nachbarn zum Massenkiller mutiert. Der arme Kerl, halbfertig mit der Pubertät, mit vielen unvergorenen Hormonen im Blut, erfährt zum erstenmal, wie brav, respektiert, wichtig und so mittelmäßig langweilig seine mit Waffenschrank ausgestatteten und im Schützenverein organisierten Eltern sind, und was für eine Nullnummer er denn einmal werden wird. Natürlich wird er nach Kausalitätsprinzip zum Satanisten, Heavy–Metal–Fan, Computerspieler und Horrorvideogucker und demzufolge schlecht in der Schule, und deshalb muss er in seiner Nähe alles massakrieren, was ihn stört. Wenn man das hört, fällt einem ein anderer Spruch ein: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!
Neulich war man richtig stolz, das Jugendschutzgesetz schärfer als eine Thai–Suppe serviert zu haben. Das Ergebnis: Pac Man ist auf dem Index, und die schönsten Ballerspielchen werden ohne Einschränkung von der US–Army an Jugendliche verteilt – auch hier zu Lande. Nun ist der Schreiber dieser Zeilen einmal ohne Abschluss von der Schule geflogen. Er ist Atheist, schaut Horrorfilme, hört Heavy Metal, spielt Computerspielchen und hat einen 44–Pfund–Sportbogen. Rein statistisch gesehen hätte er (hochgerechnet aufs Lebensalter im Columbine–/Erfurt–Mittel abzüglich üblicher Frustrationstoleranzen) schon mindestens 35,6 Mitschüler und 14,3 Lehrer erschießen sollen. Hat er aber nicht. Die bohrende Frage: Warum nur? Was ist nur falsch gelaufen?
© Stefan Wölfel 2003

