Wirkendes Wort
Glosse von Stefan Wöfel
Liebe Leute, wir wollen uns heute einem ernsten Thema zuwenden. Der Verbreitung von Worten, denn ganz so, wie es sich heute darstellt, war es eigentlich nicht gedacht.
US-Amerikaner hassen offensichtlich Terror und lieben angeblich Bayern. Das geht manchmal sogar soweit, dass dort angenommen wird, ganz Deutschland bestehe aus Bayern, was wohl an dem Umstand liegen könnte, dass den Bayern im Gegensatz zur Gesamtrepublik historisch rückblickend viel problemloser touristische Unbedenklichkeitserklärungen ausgestellt werden. Wen verwundert es? A bisserl Ludwig hin, Neuschwanstein her, garniert mit den ausgesprochen leicht zu genießenden, gemütlichkeitserregenden Banalitäten wie Oktoberfest, Weißbier und -würsten. Recht schwer tut sich ein Tourist aus Gods Own Country allerdings mit der phonetischen Eleganz der Bajuwaren, wenn er in München einen Ledertrachtler nach der geografischen Befindlichkeit fragt und hilfeheischend mit dem Stadtplan wedelt. Zumeist ist das jener Plan mit der speziellen Faltung (böse Zungen nennen es Falkung), vor dessen Gebrauch der Besuch eines Origami-Seminars bescheinigt werden sollte. "Dosamma!" brummt der Bayer krachledern bis krätzig-charmant, wenn er meint, hier stehe er, er könnt' nicht anders. Diese Aussage wird leider zu gern als Namensnennung eines arabischen Maître de Terreur missverstanden. Im Amerikaner erwacht daraufhin akute Paranoia, denn er wird dies kaum für einen Witz halten und glauben, es handle sich um eine Terrorwarnung - natürlich wird er den Ort meiden, auf den der Bayer deutete. Es sagte schließlich schon der Paulus: Seid nüchtern und wachsam.
Diese kleine Wirrnis zwischen den Zivilisationen ist natürlich nur ein Aufhänger, eine Art Captatio Malevolentiae, wenn man so will. Es geht gleich weiter:
Das Wort hat, wie bestimmt gerade bemerkt, eine ausgesprochen verstörende Wirkung. Den schlimmsten Effekt hat jedoch ein Wort in seinem Gebrauch als pointierte Wendung, hinlänglich als "Witz" bekannt. Schon totalitäre Systeme kämpften dagegen an, dass unter der Oberfläche einer Stirn – und, was zutiefst erschreckte, selbst unter einer Nicht-Denkerstirn! – ein Mangelzustand fast automatisch verwitzt wurde. Wenn sich beispielsweise drei Sträflinge im sibirischen Gulag unterhielten, warum um Stalins Willen sie hier einsaßen und sich, verfroren bei der Arbeit schwitzend, gegenseitig bekannt machten, dann hörte sich das ungefähr so an:
"Ich bin hier, weil ich vor 1937 gegen Korruptkow kämpfte!"
"Ich bin hier, weil ich nach 1937 für Korruptkow kämpfte!"
"Ich bin Korruptkow!"
Sagen Sie mal, haben Sie gerade gelacht? Das lag wahrscheinlich daran, dass man Witze über alte Feinde immer noch lieber hört als jene über neue Freunde. Aber bestimmt haben Sie mitbekommen, dass die Qualität einer Pointe nicht notwendigerweise vom Sujet abhängt. Paradebeispiel DDR: Welch ein Land, was für Menschen! Dort konnten sogar Gedichte, jene aus der Mode gekommene Mitteilungsart plötzlicher Gemütszustände in Tateinheit mit allzu freier Wortwahl, zu heftigen Turbulenzen, Einlochungen (Biermann: "Es gibt bessere Löcher als Bautzen") sowie Ausweisungen und Ausreisungen (in beiden Fällen ebenfalls Biermann) führen. Mein Gott, möchte man ausrufen, gib uns einen Dichter, der mit einem Vers die BRD erschüttert - und nicht nur Reich-Ranicki!
Doch weiter im Text, denn wir wollen einmal feststellen, ob Witze nicht nur zu einer degenerierten, sondern auch unterdrückten Spezies gehören: Sogar gefestigte Systeme mit demokratischeren Grundordnungen und liberaleren Einstellungen haben die Bonmot-Paranoia, nur wird gerne mit dem "Guten Geschmack", der "Pietät" oder "historischen Verantwortlichkeiten" gekontert und gleich der Anwalt losgelassen. Das ist durchaus zu verstehen (auch wenn einem manchmal schwant, dass das "Recht" etymologisch mit der "Rache" zusammenhängt). Es werden nämlich Dinge als Witze getarnt, die rein technisch gesehen gar keine sind: Das fürchterlich diskriminierende Geschichtchen eines der deutschen Sprache nicht ganz mächtigen Kettenrauchers, der im Geschäft um die Ecke nur einige Glimmstengel besorgen wollte, spricht Bände. Er heftete ein Zettelchen mit den Worten "Bin Laden" an seine Wohnungstür – und nach getätigtem Einkauf gab es keine Wohnung mehr. Leider stellt dies keinen Witz dar, allerdings nicht aus Gründen der political correctness, weil sich, wie manche viel zu gute Menschen vermuten werden, die Belustigung an sprachlichen Defiziten ausländischer Mitbürger aufhängt. Nein, es handelt sich um ein Gleichnis: Kein Wohnrecht für Terroristen, auch wenn sie nach Maßgabe allen mutmaßlichen Menschenverstandes keine Terroristen sind.
Es geht noch weiter, denn auch folgende Story hätte einmal ein Witz werden können: Einem Mitarbeiter eines US-Unternehmens wurde zur Frühstückspause täglich ein Tütchen politisch korrekten Safts (nicht erpresste, sondern allenfalls bedrückte Früchte) vorgesetzt, bis er entnervt "No more juice!" ausrief und wegen Antisemitismus entlassen wurde. Leider ebenfalls kein Witz, sondern Realität. Auch schön: Im Supermarkt ein Päckchen Mehl auf dem Boden verstreuen und lauthals panisch "Anthrax" oder "Milzbrand" schreien. Fehlanzeige: kein Witz. Nur grober Unfug.
Ja, sind denn alle verrückt geworden? möchte man ausrufen. Ein falsches Wort, und schon kommt der Schwarze Mann, der Folterknecht, der Anwalt, der Richter und der Henker, die Abmahnung, die Einstweilige Verfügung, das SEK mit Beobachtern von FBI plus CIA und NSA, der Katastrophenschutz und der Innenminister, notfalls vertreten durch Justizminister oder Staatssekretär. Darum mein Tipp: Solche Aktionen immer im Vorfeld als Performance ankündigen, dann kann man sich hinterher darüber streiten, ob es Kunst sei. Was dann natürlich letztendlich doch noch zum Witz mutieren könnte.
Nicht erst seit biblischen Zeiten – und als guter Christ ist man immer jüdischen Traditionen verpflichtet – muss man sich bewusst sein, dass das Wort schärfer als jedes Schwert ist und deshalb misstrauisch verfolgt werden muss. Denn glaubt man der Bibel, stand am Anfang das Wort, aus dem Wort wurde Tat und in heutiger Zeit leider ein Tatbestand. Das Schlimmste am Wort ist, dass man den Urheber zwar um die Ecke bringen oder (in unseren zivilisierten Tagen) mundtöten kann, aber leider ist der Ungeist, kaum ausgesprochen, wie aus Pandoras Büchse entflohen und jagt in Windeseile davon wie ein maligner Virus aus diversen US-Forschungsprogrammen. Und da unsere Informationsgesellschaft aus Abschreibern und Nachsagern besteht, wirkt ein Witz wie ein systemimmanenter Fehler; einen "Programmzombie" würde dies ein Informatiker nennen.
Wir stehen ernsthaften Problemen gegenüber. "Wehret den Anfängen!" keift's aus jeder spaßgesellschaftsendeverkündenden Ecke. Dann hätte man das Internet nie zulassen dürfen. Aber unglücklicherweise handelt es sich dabei um eine Erfindung des US-Militärs – übrigens auch so eine Büchse der Pandora. Der Zug ist abgefahren, der Witz ist unterwegs. Die IP-Adresse wird gesperrt? Kein Problem, die neue Domain wird eröffnet.
Nein, vielmehr müssen die Menschen gescheiter werden. Damit ist nicht Bildung gemeint, denn die wird im Jahrhundert der Pisa-Studie sowieso kaum noch gepflegt. Es geht um die psychische Vorbereitung des Empfängers einer Mitteilung, insbesondere darum, die formale Prüfung einer Pointe auf Qualität vor der Interpretation ihrer Stoßrichtung zu erlernen. Dabei kann eine Ikeanisierung der Gesellschaft in Kauf genommen werden: Mehr Sofas für Wortgeschädigte und noch mehr Psychotherapeuten. Kostenlos. Für alle. Auf Rezept! Und noch etwas fordere ich: Freie Hirndurchfahrt für jeden Witz. Wer allergisch gegen Pollen ist, bekommt Antihistaminika, wer auf einen Witz hin mit Entrüstungsanzeichen ringt, bekommt Valium. Ebenfalls auf Rezept! Lassen Sie es sich schmecken!
© Stefan Wölfel 2003

