Philip K. Dick
Triumph der Paranoia
Mit Paycheck - Die Abrechnung ist ein weiterer Hollywoodstreifen in die Kinos gekommen, der auf einer Geschichte des US-Autors Philip K. Dick basiert. Dessen paranoide, halluzinatorischen Romane und Short Storys scheinen sich bestens für Filmumsetzungen zu eignen, was der Ideenausverkauf aus seinem Werk bestätigt.
Computerspezialist Jennings, gespielt von Ben Affleck hat ein Problem: Seine Erinnerung wurde gelöscht, aber das war schließlich ein Teil seines Arbeitsvertrags. Für einen heiklen Job, der ihm einige Milliarden Dollar einbringen soll, lässt er sich jede Erinnerung daran nehmen. Doch als er erwacht, findet er in einem Briefumschlag nicht den erhofften "Paycheck", einen Scheck über den vereinbarten Betrag, sondern nur Krimskrams, aus dem er das Puzzle seines in Scherben zerbrochenen Lebens wieder Stück für Stück zusammensetzen muss. Jennings wüsste gerne was vor sich geht. Bewaffnete Männer jagen ihn aus einem Grund, der ihm schier schleierhaft ist. Als er Rachel (Uma Thurman) trifft, hat er zum ersten Mal das Gefühl, jemanden zu treffen, an den er sich erinnern kann, bevor er mit seiner Arbeit begann. Es soll sich herausstellen, dass Jennings die Zukunft sah. Nur kann er sich beim besten Willen nicht erinnern.
Typisch! wird sich der Kenner der Science Fiction sagen. Ein waschechter Dick, dessen Vorlage einmal mehr dazu hergenommen wurde, um als Füllmaterial zwischen ganzen Stafetten von Actionszenen zu dienen. Die Traumfabrik beweist mit Paycheck (Regie: John Woo), dass sie Philip K. Dick als sprudelnden Geschichtenquell schätzen gelernt hat. Das geschah nicht zum ersten Mal, und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein.
Das Interesse Hollywoods hatte schon vor zweiundzwanzig Jahren mit Ridley Scotts Blade Runner eingesetzt. Paul Verhoevens Total Recall schloss sich 1990 an. In Frankreich entstand der Film Confessions d'un Barjo, Screamers mit Peter Weller kam 1996 in die Kinos, Gary Sinise schauspielerte 2002 in Impostor. Steven Spielberg ließ im selben Jahr Tom Cruise in Minority Report durch Designpreis-verdächtige Kulissen hetzen.
Ist überhaupt irgendetwas wirklich?
Wie alle Protagonisten in Dicks Geschichten findet sich Jennings in einem Kampf um sein Gleichgewicht in einer Welt, in der elementarste Fragen nur schwer beantwortet werden können: Kann den Sinnen vertraut werden? Sind Erinnerungen real? Ist überhaupt irgendetwas wirklich? Dicks Gespenster kreisen um das Schwarze Loch ihrer Existenz. Das immer wiederkehrende Thema: Erinnerungsverlust, Identitätsverlust, Realitätsverlust.
Wie nähert man sich dem 1928 geborenen Autor, der in knapp dreißig Jahren fast vierzig Romane und weit über hundert Short Storys in seine Schreibmaschine hämmerte, deren Inhalte immer wieder um das gleiche Gegensatzpaar real-irreal kreisen? Allein in den Jahren 1963-64 vollendete er elf Romane sowie Dutzende von Kurzgeschichten. Dabei stellt sich angesichts des recht üppigen Werks die berechtigte Frage nach der Qualität. Dick hatte keinen reichen Gönner. Er musste schnell schreiben und viel verkaufen. Zeitweise hatte er einen Ausstoß von sechzig Manuskriptseiten pro Tag. Eine immense Menge, die wohl eher auf den Missbrauch von Amphetaminen als auf gesteigertes Mitteilungsbedürfnis zurückzuführen ist.
1952 verkaufte er seine erste Kurzgeschichte an ein Science-Fiction-Magazin. 1955 veröffentlichte er bei AceBooks seinen ersten Roman "Solar Lottery". Vielen erschienen seine Geschichten als Schund. Nichtsdestotrotz wurde Dick in der Szene geschätzt, gewinnt 1963 mit "The Man In The High Castle" den Hugo-Award, einen der begehrtesten Preise des Genres.
Sein Privatleben ist geprägt von permanenten Drogenproblemen und einer tief sitzenden Paranoia. Er gestand einmal, dass das FBI ihn anzuwerben versuchte, um seine damalige Ehefrau zu bespitzeln. Dick erweist sich als immer schwierigere Gesellschaft; fünf Ehen gehen in die Brüche. 1970 wird in Philip K. Dicks Haus eingebrochen und sein Aktenmaterial durchwühlt. Dick ist überzeugt, dass die CIA ihn überwacht. Angeblich habe ihm Jahre später ein Geheimdienstmann mitgeteilt, dass sein Haus verwüstet wurde, weil er etwas geschrieben habe, das die Wahrheit darstelle, ohne es zu wissen. Vielleicht habe man versucht herauszufinden, was er über eine Sache wisse, über die er in einem seiner Romane geschrieben habe.
Drogentraum, Wahnvorstellung oder Realität? Bei Dick ist man sich da von Haus aus nicht sicher. Er zieht kurzzeitig nach Kanada, kehrt jedoch bald wieder nach Kalifornien zurück. Zurück in Amerika könnte Dick sich jetzt ganz auf das Schreiben konzentrieren. Er hat Geld, denn United Artists erwirbt die Filmrechte für "Do Androids Dream Of Electric Sheep?", auch seine Bücher verkaufen sich besser. Den Blade Runner hat Dick nie gesehen, er starb 1982, kurz bevor der Film in die Kinos kam und seinen nachträglichen Ruf begründete, ein ausgezeichneter Ideenlieferant zu sein.
Dick zermalmt die Realität der Wirklichkeit
Der polnische Autor Stanislaw Lem ("Solaris") hatte das ebenfalls schon früh erkannt. In seiner zweibändigen Phänomenologie und Theorie der Science-Fiction-Literatur "Phantastik und Futurologie" (1977/78) bezeichnete er Dick als den einzigen ernst zu nehmenden amerikanischen Autor seines Genres. Er zermalme die Realität der Wirklichkeit, hatte Lem geurteilt, und nie wurde Dicks Werk passender beschrieben. Ihm schien Dicks Schaffen eher Anti-SF zu sein, eine "strukturelle Zerfetzung der Verdinglichung", während die meisten anderen Autoren den komplett entgegengesetzten Weg wählten, nämlich den Aufbau von Realitäten unter massiver Zuhilfenahme von Technologie. Dick stützte sich nicht oder nur teilweise auf Technologie. Seine Domäne ist der menschliche Zerfall, seine Romane führen aus einer anfänglichen Ordnung zu Zuständen extremer Destruktion, nur sind dies keine tosenden Inferna, die durch Kriege und Kataklysmen verursacht werden.
In gewissem Sinne hat Lem Recht, denn der größte Teil des Genres ist so konservativ wie ein Altbayer in Lederhose. Entkleidet man die meisten Autoren des Genres ihres technokratischen Gewands, dann bleibt oft nicht mehr viel literarisch Wertvolles übrig, nur der Heroismus der Protagonisten, meist findige Ingenieure oder grimmige Sternenkrieger. Philip K. Dick ist eine Ausnahme. Er gehört zu jenen, die mehr zu sagen haben als Geschichten von Weltraumimperien, explodierenden Sternenschiffen oder Supernovae. Lems Verachtung für andere Autoren wie beispielsweise Frank Herbert, Isaac Asimov, Arthur C. Clarke oder Robert A. Heinlein, die er herablassend "Sippschaft" nennt, geht natürlich zu weit.
Lem hatte einen fast engstirnig zu nennenden Katalog von Qualitäten aufgestellt und an Dick ausgerichtet. Führt man Lems Forderungen an eine Science Fiction, die auch vor der so genannten Hochliteratur zu bestehen hat, bis zur letzten Konsequenz, fielen wohl bedauerlicherweise selbst allseits respektierte Autoren wie Ray Bradbury oder Theodore Sturgeon durch das Raster. Dick selbst war sich seines Genres mehr als bewusst. Trotz vieler Versuche, außerhalb der Science Fiction Anerkennung zu finden, empfand er sie als perfekte Spielwiese, von der er nicht ablassen wollte, auch wenn er einige seiner Kollegen unschmeichelhaft als "Trolle" bezeichnete und insbesondere Heinlein für einen Faschisten hielt.
Die Giftküche der Science Fiction
Sicherlich war Dick einem Vonnegut oder Pynchon näher als dem größten Teil der Science-Fiction-Autoren seiner Zeit, nur staffierte er seine Abenteuer mit all dem Trödel aus dem Bauchladen der modernen utopischen Literatur aus. Sein tapferer Biograf, Lawrence Sutin, tat sein Möglichstes, das Subjekt seiner Beschreibung zu loben und stellte es gar dem Werk von Borges, Kafka, Beckett und Calvino gegenüber. Wobei er eigentlich nicht so sehr daneben lag. Den bedauernswerten Kreaturen in Dicks Geschichten ergeht es eigentlich wie Arthur Millers Handlungsreisenden Willy Loman, dessen vertraute Umgebung, die nur auf einer Lebenslüge aufgebaut ist, sich langsam aber sicher auflöst. Dem Jobverlust folgt die Desintegration der Familie.
Auch bei Dick erleben die Protagonisten Schritt für Schritt, wie sich die ihnen bekannte Ordnung auflöst. Realitäten und Identitäten sind keine Fixpunkte, sondern nur Masken, die jeden Moment fallen können - und es zum Leidwesen seiner Romanhelden auch tun. Jedesmal, wenn Dicks Jammergestalten glauben, einen Fetzen der Realität in Händen zu haben, um sich wie an einem Strohhalm festzuhalten, gähnt vor ihnen ein neuer Abgrund. Sie öffnen nur eine Facette der Realität wie eine Russische Puppe, um schließlich festzustellen, dass eine weitere Puppe, eine weitere Realität darunter verborgen ist. Fast scheint es, als hätte Dick sich den Ratschlag des Viktorianers Thomas Carlyle aus "Sartor Resartus" zu Herzen genommen, die Gewänder der Dinge nur scharf genug anzuschauen, um den dahinter verborgenen Geist (in Dicks Sinne: Ungeist) zu entdecken.
In "Time Out Of Joint" entdeckt der Protagonist, dass seine Heimatstadt nur eine Kulisse ist, die aus einem (zunächst) unerklärlichen Grund von der Regierung um ihn herum aufgebaut wurde, um ihn zu beobachten und bei Laune zu halten. In "A Scanner Darkly" versucht ein Undercover-Agent der Drogenbehörde, sich zwischen seiner Rolle als Ermittler und seiner anderen Identität als Dealer zu behaupten, während sich um ihn herum die Realität wie in einem verebbenden Drogenrausch auflöst und er die halluzinatorischen Situationen, in die er gerät, grundsätzlich falsch einschätzt. Die Konsequenz ist Schizophrenie: In Personalunion observiert der verdeckte Ermittler sich selbst, den Drogendealer - im Spannungsfeld zwischen Pflichterfüllung und Privatleben lösen sich beide Identitäten auf. In "Flow My Tears, The Policeman Said" erwacht ein bekannter Fernsehmoderator eines Morgens, um festzustellen, dass er dem Menschen auf der Straße, seinem Publikum, nicht nur ein Unbekannter ist, sondern seine ganze Identität ausgelöscht wurde.
Die benutzten Requisiten stammen aus der Giftküche der Science Fiction und der Fantasy, doch das Ziel der Transformation ist anderer Ordnung, und auch Dicks Protagonisten sind aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als die vieler seiner Kollegen: Sie sind keine Muskelberge mit modernsten Waffen oder hyperintelligente Computerspezialisten. Die Romane werden bevölkert vom Ottonormalverbraucher, dem Ladenverkäufer, dem Automechaniker, dem Angestellten im Großraumbüro - liebenswerten Menschen, denen das Schicksal übel mitspielt. Die Verzweiflung der Protagonisten mag wohl mit Hilfe des Kitschs und der utopischen Klamotte artikuliert werden. Aber mit dem qualitativen Zerfall der Bezugspunkte im Leben seiner Protagonisten, der schleichenden Vernichtung ihres Alltags, kommt er auch näher an das existenzielle Drama des Menschen.
Dicks nervöser Surrealismus wirkt ganz und gar nicht wie der Prototyp des zeitgenössischen Science-Fiction-Films. Während Regisseure wie George Lucas ihr Genre als eine gigantische Materialschlacht in den Weiten des Alls inszenieren, erschloss Dick den Innenraum, den andere Filmschaffende nun weidlich ausnutzen. Der Mensch und sein Innerstes, seine Fragen nach seiner Existenz in einer aus den Fugen geratenen Welt sind die Abenteuer, von denen er erzählt.
Unter dieser Prämisse ist sein Einfluss aus Filmen wie Matrix, Memento, Dark City oder The 13th Floor nicht wegzudenken (auch wenn an dieser Stelle zugegeben werden muss, dass letzterer auf dem Roman "Simulacron 3" von Daniel F. Galouye aus den fünfziger Jahren basierte; in den siebziger Jahren verfilmte Rainer Werner Fassbinder diesen Stoff bereits unter dem Titel Welt am Draht. Vanilla Sky mit Tom Cruise, der quietschbunte US-Klon des düsteren spanischen Films Abre los ojos, wirkt wie ein blasser Widerhall des "halflife"-Themas in Dicks Roman "Ubik". Die Truman Show mit Jim Carey hätte direkt aus Dicks Feder stammen können. Tatsächlich entwickelte er ein solches Szenario bereits 1959 in seinem Roman "Time Out of Joint".
Ausverkauf im Hause Dick
Die Verfilmungswut der Studios und der florierende Handel mit Filmrechten an Dicks Geschichten kommt denn so überraschend auch wieder nicht. In unserer Epoche der virtuellen Realitäten, in der wir mehr und mehr Teile unseres Lebens den Datenspeichern überantworten, gilt das Individuum nur noch soviel wie die Zeichenfolge eines Binärcodes in einer Antiterror-Datenbank. Auch unsensiblen Zeitgenossen muss es heute schon dämmern, dass einige von Dicks wüstesten Alpträumen schon längst zum Tagesgeschäft der inneren Sicherheit zählen.
Paul Verhoeven, der 1990 Total Recall nach der Geschichte "We Can Remember It For You Wholesale" mit Arnold Schwarzenegger verfilmte, merkte in einem Interview einmal an: "Das verkauft sich nur, wenn die Leute das erkennen, und sie können es nur erkennen, wenn sie es in ihrem eigenen Leben sehen."
Wahrlich, wir können es heute schon sehen: Dick begann seine Karriere in der vergifteten Atmosphäre der McCarthy-Ära, einer Atmosphäre, die quasi Generalprobe für die heutige paranoide Situation beiderseits des Atlantiks war. Ein Feind von außen ist Ansporn, um Phobien gegen die Andersartigkeit zu schüren. Es werden immer schlauere, perfidere Mechanismen entwickelt, um die Kontrolle über Individuen auch bis in den letzten Winkel privaten Lebens zu treiben: RFID-Chips, Minisender, Gendatenbanken, maschinenlesbare Ausweise, Retina-Scan - die Mittel der Science Fiction-Klamotte. Konzerne und Regierungen sind schon lange die Komplizenschaft der Jäger und Sammler eingegangen, die Erforschung des Privatlebens findet in der Schnittmenge aus Marktbeobachtung und Verbrechensbekämpfung statt. Die gesammelten Daten sind erstaunlich deckungsgleich. Es geht um den Nachvollzug der Bewegung jedes Einzelnen, seiner Neigungen, seines Bekanntenkreises. Wer sich der Beobachtung entzieht, ist ein potenzieller Krimineller. Und wehe demjenigen, dessen Codenummer in die falsche Datenbank gerät! Die Mittel der Science-Fiction-Klamotte aus Dicks Romanen sind nicht nur in Mode, sondern in Anwendung. In der Realität wie im Film wie im Buch sichert die Angst die Kontrolle. Unsere Wirklichkeit ist in der Phantasie Philip K. Dicks angekommen. Die Zeit scheint reif zu sein.
Wie die hellseherischen Precogs in Minority Report war er ein Prophet der nahen Zukunft. In einem Essay schrieb er 1978 "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Medien, Regierungen, große Konzerne, religiöse und politische Gruppierungen fadenscheinige Realitäten produzieren. Ich frage in meinen Schriften: was ist wirklich? Denn wir werden unaufhörlich bombardiert mit Pseudorealitäten, die von sehr schlauen Leuten mit sehr schlauen elektronischen Mechanismen ersonnen werden. Ich misstraue nicht ihren Motiven. Ich misstraue ihrer Macht. Es ist eine erstaunliche Macht: Die Erschaffung ganzer Universen, Universen der Vorstellungskraft. Ich sollte es wissen. Ich mache genau dasselbe."
"... unser ganz eigener Borges"
Dick war ein Meister der makabren Groteske, aber seine Melange war anfangs für viele Anhänger der genormten, waffenstarrenden, gehorsam ins All vorauseilenden Science Fiction unverdaulich. Die novelisierten Lektionen in Astrophysik und Robotik vom Schlage Hal Clements oder Isaac Asimovs suchten nach wissenschaftlichen Erklärungen. Dicks diesbezügliches Schweigen und sein Insistieren in die durch Technologie ausgelösten moralischen und ethischen Abgründe, in die er seine Protagonisten regelmäßig stürzen ließ, irritierte vor allem die Leserschaft in den USA. Das Wort vom verkannten Propheten im eigenen Land passt deshalb teilweise auch auf Dick. Vor allem in Europa hatte er eine sehr viel begeistertere Gefolgschaft als in seiner Heimat, und Intellektuelle diesseits des großen Teichs entdeckten ihn weitaus früher, wie die Würdigungen Dicks in den Werken Jean Baudrillards und Stanislaw Lems beweisen. In den USA haderte ein kleiner Kreis mit diesem Umstand; Ursula K. Le Guins postume Bewertung von Dicks Schaffen (die Verlage gerne auf dem Umschlag vermerken) drückt Schwermut aus: "Niemand bemerkte, dass wir unseren ganz eigenen Borges hatten, hatten ihn dreißig Jahre lang gehabt."
Wer sich heute auf die Suche nach seinen Romanen und Kurzgeschichten macht, wird bei einem Verlag allein nicht fündig. Die Ausgaben sind über eine erkleckliche Anzahl von Verlagen verteilt. Haffmanns plante einmal eine ambitionierte Werkausgabe in deutscher Sprache, aber leider verschied der Verlag vorzeitig. Zumindest die Kurzgeschichten liegen in der abrupt unterbrochenen Reihe fast vollständig vor, und das in vorzüglicher Übersetzung. In den USA tut sich ebenso wenig, um Dicks Schaffen in seiner Gesamtheit vorzulegen. Andererseits könnte man sich denken, dass Hochglanz oder Lederrücken einem Philip K. Dick nicht gut steht. Lieber liest man seine wahnwitzigen Geschichten in Taschenbüchern und Pulps, lässt sich am Bahnhofskiosk von den schrillen, klischeehaften Titelbildern zum Kauf animieren und genießt den geistreichen Kitsch auf billigem Papier. Einige Verlage eliminieren im Klappentext jeden Hinweis auf Science Fiction; manche Romane erscheinen in allgemeinen Reihen, um etwaige Vorbehalte der Leserschaft zu umschiffen und Dick als "Surrealist" oder "Postmodernen" anzupreisen. Alles eben eine Frage von Realität und Identität.
Was den Visualisierungswahn Hollywoods und die immer hysterischer vorangetriebene Bastardisierung seiner Geschichten auf Zelluloid angeht, drängt sich eine Frage auf: Waren die heutigen Regisseure und Drehbuchschreiber in ihrer Jugend derart beeindruckt von Dicks wahnwitzigen und trotzdem humorvollen Geschichten, dass sie sich heute um die Filmrechte balgen? Wie zu erfahren war, dreht ausgerechnet Disney bereits einen Film nach der Vorlage "The King Of The Elves". Soderbergh und Clooney nehmen sich für Warner Bros. der wirren Drogenstory "A Scanner Darkly" an. "The Short, Happy Life of the Brown Oxford" ist bei Miramax in Produktion, und Joel Silver, Produzent der Matrix-Filme, erwarb kürzlich die Rechte für "Time Out Of Joint". John Alan Simon und Dale Rosenbloom (The Getaway) wollen den Studiobossen gleich drei Geschichten zur Verfilmung andienen: "Radio Free Albemuth", die "Valis"-Trilogie und "Flow My Tears, the Policeman Said". Wahrscheinlich wird es Hollywood bei dieser Drehgeschwindigkeit schaffen, Dicks Gesamtwerk in Filmform zu präsentieren, bevor es einem Verlag gelingt, es gänzlich auf Papier zu drucken.
© 2004 Stefan Wölfel
SOW...
... heißt "Sense of wonder". Was es damit auf sich hat, darf jeder selbst ergoogeln. Nächste Woche wird abgefragt!

