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Was ist Pulp Fiction?

Eine kurze Einführung in die Entwicklungsgeschichte der Pulp Fiction

Schlägt man im American Heritage Dictionary, New College Edition, nach, dann offenbart sich unter dem Stichwort Pulp folgender Eintrag:

Pulp n. 1. A soft, moist, shapeless mass of matter. 2. A Magazine or book containing lurid subject matter and being characteristically printed on rough, unfinished paper.

Der kleine Wörterbucheintrag ist unter Punkt 2 nicht sonderlich ergiebig, will er doch eine knappe Qualitätsaussage wagen. Aber schließlich hat man als Lexikonartikelautor nicht viel Raum zum Differenzieren. Deshalb wollen wir als Einleitung eine kleine Umschreibung des Themas geben und uns weniger über die mangelnde literarische Anerkennung beklagen:

Pulp Fiction ist eine bestimmte Art der populären Unterhaltungsliteratur und, da der Großteil der Autoren seine Geschichten in Prosa niederschrieb, rein technisch gesehen der Gattung Epik zugehörig. Damit sind wir schon auf dem richtigen Weg: Unter der Kategorie Epik können wir zwischen den Formen Roman, Novelle und Short Story (ich verwende absichtlich den Anglizismus, da die deutsche Kurzgeschichte demgegenüber doch einige nicht zu vernachlässigende Unterschiede aufweist) den Charakter der Pulps schon ein wenig eingrenzen. Wie schon erwähnt, handelte es sich um Prosa: Für Romane waren die Geschichten meist zu kurz, für Short Stories zu lang, und die eng gefassten Regeln der Novelle (wie sie in der Literaturwissenschaft Anwendungen finden) umfassen den Pulp-Charakter kaum, ohne ihn zu würgen. Was also sind die Pulps? Ein tieferer Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist nötig, um das Wesen dieser Literaturform der Gattung Epik näher zu beleuchten!

What You See Is What You Get!

Für ein paar Cent konnte der Leser abtauchen in abenteuerliche Welten und Geschichten aus den unterschiedlichsten Genres lesen: Science Fiction, Abenteuer, Horror (oder Mystery, wie das neuerdings heißt?), Western, Detektivgeschichten. Welch eine wilde Zeit! Der Cowboy gab dem Space Traveller, dem Piraten, dem Detektiv, dem Napoleonischen Soldaten oder dem barbarischen Schwertschwinger die Klinke in die Hand, um die immer gleiche vollbusige Blondine (oder die Welt oder beides) vor einem verrückten Wissenschaftler, einem finsteren Götzen aus der Urzeit oder einem fiesen Mafioso, Gouverneur, Viehzüchter oder sonstwas zu erretten. Dementsprechend schrill waren die Titelbilder jener Pulps aufgemacht, und jeder, der mag, kann sich im Internet in zahllosen Coversammlungen davon überzeugen, was den Leser am Zeitungsstand der dreißiger Jahre so farbenfroh ins Auge fiel.

Triviale Therapieformen

Wollen wir ein wenig psychologisieren: Gegen Ende des Ersten Weltkriegs begannen sich die ersten Pulps am Zeitschriftenstand zu regen, erlebten eine kurze Blüte, und zerfielen zum Ende des Zweiten Welkriegs urplötzlich zu Asche. Zwischen jenen Momenten geistiger Atemnot und mit industrieller Hilfe beigeführter Massenvernichtung lag die Depression der dreißiger Jahre. Wenn man sich die Werke der US-Hochliteratur in jener Zeit besieht, darunter Hemingway, Dos Passos, Steinbeck und - mit Abstrichen - Fitzgerald, dann kann man einen ungefähren Eindruck bekommen von der Leidensfähigkeit jener Generation. The Lost Generation werden heute einige Autoren dieser Zeit von der Literaturwissenschaft bezeichnet, aber vielleicht kann man es auch wagen, diesen Begriff auf die Leserschaft auszuweiten. Jene Menschen, die monatlich zum Zeitungsstand pilgerten und für einige wenige Cent ein Pulp Magazine kauften, erstanden damit auch ein Kontinuum, in dem sich ihre Träume erfüllten:

Die Hochliteratur thematisiert auf notorische Weise den Verlierertyp. Happy Endings sind in der Hochliteratur des 20. Jahrhunderts so rar wie Luftbläschen in Ozeanen auf der Mondoberfläche. Die Helden der Pulps waren Sieger! Mit schierer Muskelkraft brachten sie selbst Götter zum Wanken, erschütterten Imperien und schlugen Schlachten notfalls alleine, nur ein Schwert oder eine Axt in der Hand. Oder ihre Intelligenz war von solcher Qualität, dass sie selbst dem ausgeklügeltsten Plot einen überraschenden Schachzug entgegenzusetzen hatten und das abgefeimteste Verbrechen aufklärten oder ihren Hals aus der Schlinge zogen, indem sie eine Falle sicher umschifften. Der Bösewicht hatte immer das Nachsehen.

Welch eine Wohltat! mochte da ein Leser im Mittelwesten der Vereinigten Staaten während der dreißiger Jahre gedacht haben, wenn er das Pulp-Heftlein nach der Lektüre zuschlug. Und dann sein Blick über verdorrte Maisfelder glitt, deren Ernten der nächsten zehn Jahre bereits an die Banken verpfändet waren. Oder wenn er sich in den Straßenschluchten der Großstadt von den Klängen der Heilsarmee zum nächsten warmen Suppentopf leiten ließ. Wenigstens Phantasie und Träume waren nicht unterernährt!

Literatur aus dem Effeff(eff): Form follows Function...

... and Content follows Form. Üblicherweise enthielt ein Pulp-Magazin ein schrilles Titelbild in einer Mischung aus Pin-up und Monsterportrait, einen Kurzroman, manchmal auch eine Fortsetzungsgeschichte, sowie mehrere Short Stories. Auch Lyrik fand Eingang. Ganz recht, Autoren wie Lovecraft oder Howard verfassten Gedichte, und die wurden auch gedruckt. (Momentan befasst sich sogar die Literaturwissenschaft mit den Versen Lovecrafts - auch wenn man sich mit der Diskrepanz zwischen Form und Inhalt fürchterlich schwer tut und es am liebsten gesehen hätte, dass der Autor mindestens fünf Jahrzehnte früher geboren wäre!) Dazwischen tummelte sich Werbung, die alles mögliche anpries - von Heilmitteln gegen Pickel bis hin zum Boot.

Die Magazinform stellte natürlich Anforderungen an die Schreibweise der Autoren. Darüber hinaus war der Pulp-Autor ein Sklave der Herausgeberwillkür. Das Magazin verkaufte nicht ihre Geschichten, sondern ihre Inhalte verkauften das Magazin. Und Autoren wissen, dass Herausgeber manchmal recht seltsame Vorstellungen von dem haben, was der Leser auf der Straße gerne lesen möchte, und dass sich das meistens nicht mit Autorenvorstellungen deckt - wahrlich, seit diesen Zeiten hat sich nicht viel geändert. Robert E. Howard war einer jener Autoren, die aus dieser Not eine Tugend machen konnten: Er hatte ein gewisses Repertoire an Helden und Settings. Wenn er beispielsweise eine Piratengeschichte begann, und mitten im Schreiben forderte der Herausgeber eine Westerngeschichte, dann formulierte er die Story einfach um.

Allgemein werden die Pulps der Magazinliteratur zugeordnet. Natürlich wurde diese Veröffentlichungsform nicht speziell für die Pulps erfunden. Im 19. Jahrhundert erschien ein großer Teil der Literatur in Magazinen, viele Romane wurden in Einzellieferungen herausgegeben. Beispielsweise erschienen Edgar Allen Poes Werke zunächst in Magazinen, und auch dieser Autor wurde oftmals abfällig mit dem Etikett magazinist bezeichnet. Den Einschnitt stellt der Erste Weltkrieg dar, und die Literaturwissenschaft setzt bei der Unterteilung gerne auf pre-war Magazines und post-war Pulps. Man kann darüber streiten...

An dieser Stelle möchte ich auf den Umstand hinweisen, dass Pulps auch gerne als Dime Novels bezeichnet, aber keinesfalls mit Paperbacks verwechselt werden dürfen. Manche Autoren schafften den Sprung in die großen Buchverlage, besonders dann, wenn ihre Geschichten für Furore sorgten. Edgar Rice Burroughs' Tarzan ist so ein Fall. Gerne erzählt man sich Legenden, dass die frühen Taschenbücher von Asimov, Bradbury, Pohl und all den anderen berühmten Science-Fiction-Autoren des Golden Age den Pulps zuzurechnen seien. Vielmehr begannen sie dort ihre Arbeit, richteten sich nach den Vorgaben ihrer Herausgeber und wurden erbärmlich bezahlt, bevor sie sich später über billige Paperbacks bis hinauf zu Hardcover-Editionen hochdienten. Wer einige humorvolle Asimov-Vorworte über John W. Campbell gelesen hat weiß, wovon die Rede ist. Ein bis drei Cent gab es damals für das Wort eines Autors. Nicht viel, um sich über Wasser zu halten. Da musste man schon flinke Finger und eine unerschöpfliche Phantasie haben. Dieser Umstand erklärt auch die schiere Masse der Geschichten, die in jener Zeit veröffentlicht wurden. Was die Unterscheidung Pulp und Paperback angeht, so sollte weniger eine Prüfung des Inhalts als die der Form angesetzt werden:

Die Heftgrößen der monatlichen Magazine umfassten in vielen Fällen ein Format, das dem Standard A4 nahe kommt. Zwischen dreißig und fünfzig Bogen Papier mussten monatlich gefüllt werden. Natürlich wurde die minderwertigste Papierqualität gewählt, um die Druckkosten zu minimieren. Schon von daher erwarb sich diese Abenteuerliteratur den Ruf, etwas "billiges" zu sein, nicht weniger wert, als das Medium, auf dem es verbreitet wurde. Die Paperbacks hingegen begannen als Experiment der Buchverlage in den frühen vierziger Jahren, um Geschichten in voller Romanlänge zu einem günstigen Preis abzusetzen. Und das ohne den zweifelhaften Ruf, der die schlüpfrigen Pulps umgab. Nicht unterbewertet werden darf die Tatsache, dass Paperbacks während des Zweiten Weltkriegs auch in rauen Massen zu den Truppen in Übersee verschifft wurden. Paperbacks als leichteres Marschgepäck als Hardcovers?

Wer waren nun diese Autoren, die sich darauf einließen, von Herausgebern, die sich ebenso launisch wie die Wirtschaftslage zierten, tyrannisiert zu werden? Bei der Beantwortung der Frage werden Leser, die bisher noch keine Pulps gelesen haben, so einige Überraschungen erleben, denn manche der Autoren haben sich vom Niveau der bloßen Fiktion in den Olymp der Literatur erhoben, als die Ära der Pulps zu Ende ging.

Deja vu: Die Autoren

Kennen Sie Dashiell Hammett? Sicherlich! Seine Hardboiled Detectives sind nicht erst seit Humphrey Bogart Kult. Dann kennen Sie doch bestimmt auch Erle Stanley Gardner, Raymond Chandler und Carroll John Daly. Sie ahnen es schon, auch sie begannen in den Pulps, und zwar vornehmlich in dem Magazin Black Mask. Und die Zeit, das Publikum und die Verlage haben als die hohe Schule der Kriminalliteratur geadelt. Daneben gab es noch andere Magazine, beispielsweise Dime Detective, Thrilling Detective oder Ten Detective Aces. Frederic Brown schrieb sich fürs Thrilling Mystery (Magazine for horror and the fantastic) die Finger wund. Zane Grey, Max Brand oder Luke Short fanden ihre erste schriftstellerische Heimat in Lariat Stories, Western Stories oder Star Western. Und solch illustre Autoren wie Isaac Asimov, Frederic Pohl und L. Sprague de Camp tippten sich über Argosy, Fantastic Stories, Weird Tales und Galaxy zu höheren literarischen Weihen. Eine Kuriosität am Rande: Ein vierzehnjähriger Autor namens Tennessee Williams begann seine ersten literarischen Versuche in Weird Tales, und es ging nicht um Weltraumkatzen auf heißen Blechdächern! Einige der Autoren haben für den US-amerikanischen Raum inzwischen Literaturgeschichte geschrieben, was wieder beweist, dass Herkunft nichts zählt und auch harte, aber phantasievolle Tretmühlenarbeit ans Ziel führen kann.

What Happened to Pulp Fiction?

Zwischen den dreißiger und fünfziger Jahre verschwanden die Pulp Magazines nach und nach. Die jüngeren Leserschichten wanderten zu den comic books ab. Ein bemerkenswertes Datum ist das Auftauchen Supermans in Action Comics 1938. Der Comic-Markt explodierte, die Jugend wandte sich von den Pulps Magazines ab. Auf dem Zeitschriftenmarkt setzten sich mehr und mehr die Digests durch sowie die Hochglanz-Magazine für den modernen Lebenswandel. Das aufkommende Fernsehen bannte gegen Ende der fünfziger Jahre den Rest der Leser vor die Glotze und weg vom Leseabenteuer. Manche Fernsehzuschauer der ersten Stunde waren noch etwas überrascht, als sie die Namen von Autoren aus den Pulps in den Drehbuch-Credits der TV-Serien lasen. Aber das schafften nur die wenigsten Autoren, und noch weniger kamen bei den Buchverlagen unter.

Pulps sind eine Sammlerrarität geworden, und für eine Originalausgabe von Black Mask oder Weird Tales wechseln ein paar Hundert-Dollar-Scheine den Besitzer. Trotzdem sind viele der Autoren den Lesern ans Herz gewachsen, auch jene, die erst in den letzten dreißig Jahren von unentwegten Herausgebern wieder ausgegraben und mit Buchpublikationen bedacht wurden. Ein großes Interesse an den alten Heftchen erwachte besonders zu Anfang der achtziger Jahre wieder. Ein Produkt davon war zweifelsohne die grimmige Verfilmung Conan der Barbar, für die gleich mehrere von Howards Geschichten gefleddert wurden. Dass sich auch durchaus humorig mit dem Thema Pulp Fiction spielen lässt, hat Quentin Tarantino mit seiner Gangsterkomödie bewiesen.

Eines der berühmtesten Magazine, Weird Tales, hat sich trotz Unterbrechungen und zahlreichen Verlagswechseln immer irgendwie über Wasser halten können, und das bis in unsere Tage, auch wenn nur alle drei Monate eine Veröffentlichung angesetzt wird.

© Stefan Wölfel 2003


So viel für den Anfang. In den kommenden Ausgaben werden wir etwas tiefer in die Materie einsteigen. Bisher in Arbeit:

Robert E. Howard. Schreiberling Escher will wohl seinem literarischen Götzen ein Monument setzen und tippt gerade an einer ausufernden Vita des Conan/Black Agnes/Solomon Kane/Bran Mak Morn/Cormac Mac Art/King Kull-Erfinders.

SOW...

... heißt "Sense of wonder". Was es damit auf sich hat, darf jeder selbst ergoogeln. Nächste Woche wird abgefragt!