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Rezension

Unser Testregal:

Phantastisches: Der Dieb, die Göttin, die Bösewichter und ihre Krieger

David & Leigh Eddings
Althalus. Roman.
Gebundene Ausgabe - 841 Seiten - Bastei-Lübbe
Erscheinungsdatum: Oktober 2003
ISBN: 3822506273

Bisher hatte der Meisterdieb Althalus geglaubt, eine Glücksgöttin halte ihre schützende Hand über ihn und seine Taten. Aber jede Glückssträhne findet einmal ihr Ende: Als der aus den Hinterwäldlerregionen stammende, ansonsten blitzgescheite und geschickte Langfinger in die Zivilisation aufbricht, um die Schatztruhen der Reichen zu leeren, macht er unliebsame Bekanntschaft mit dem Pech, und das nicht nur, weil er mit den finanziellen Gepflogenheiten der Zivilisation nicht vertraut ist. Wachhunde hetzen ihn durch die halbe Stadt, aus Unkenntnis lässt er eine randvolle Truhe mit Papiergeld links liegen, und schlussendlich ist er so klamm, dass er sich gar auf Straßenraub verlegen muss, um überhaupt an ein Kleidungsstück zu kommen.

Den Leser packte das Mitleid, wäre da nicht die Ironie, mit der David und Leigh Eddings den Werdegang eines Diebs zum Widersacher allen Bösen schildern. Wer sich früher bereits durch Eddings ausufernde Sagas "Belgariad" oder "Mallorean" fieberte, wird bei dem Roman "Althalus" in zweifacher Hinsicht aufmerken: Es handelt sich diesmal um einen Einzelroman, und nicht um den Auftakt zu einer neuen Serie, wie manche - auch der Rezensent - im ersten Moment annehmen (oder hoffen?) mochten. Zudem hat David Eddings bessere Hälfte Leigh einen Löwenanteil zu dem Roman beigetragen. Die flüssig erzählte Geschichte um den Meisterdieb bringt immerhin 845 Seiten auf die Waage, und die Eddings stoßen eine Geschichte an, die an sich beinah schon wieder Stoff für eine drei- bis vierbändige Serie abgegeben hätte:

Entmutigt nach all den Rückschlägen zieht sich Althalus wieder in die weniger zivilisierten, dafür unkomplizierteren Gegenden seiner Welt zurück. Dort erwartet ihn der Auftrag einer zwielichtigen Gestalt namens Ghend: Er soll aus einem Haus am Ende der Welt ein Buch stehlen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es einige Dinge, die das Großmaul Althalus nicht weiß: Was beispielsweise ein Buch überhaupt ist oder was diese ominösen Zeichen darin zu bedeuten haben. Oder dass es sich dabei um das Buch der Gottheit Deiwos handelt. Und dass es zu diesem Buch ein ausgesprochen böses Gegenstück gibt, nämlich das Buch von Deiwos niederträchtigem Bruder Daeva. Für den glücklosen Althalus ein Auftrag wie jeder andere, doch den aufmerksamen Lesern schwant schon jetzt, dass der Dieb in ein Abenteuer hineinschlittert, in dem höhere Mächte einen Streit ausfechten.

Nun findet er zwar das Buch tatsächlich an dem beschriebenen Ort und freut sich schon auf die Belohnung Ghends, doch gibt es etwas, das ihn in dem Haus am Ende der Welt hält - eine Katze. Eine sprechende Katze, um genau zu sein. Und dieses verspielte Tier lässt Althalus nicht ohne weiteres gehen, vielmehr spannt es den bis dahin glücklosen Dieb für seine Zwecke ein, und zwar ganze zweieinhalbtausend Jahre lang. Emerald, wie Althalus das schnurrende Fellknäuel nennt, ist in Wirklichkeit Dweia, die Schwester der widerstreitenden Götter Deiwos und Daeva. Sie will den uralten Streit beenden und vor allem Daeva daran hindern, die Welt in dass Chaos zu stürzen, aus dem sie einst hervorging. Dazu schließen sie einen Handel ab: Althalus soll ihr beibringen, wie man lügt, betrügt und stiehlt. Im Gegenzug will sie ihn lehren, worauf es wirklich ankommt: Wahrheit, Gerechtigkeit und Ehre. Und Lesen, natürlich.

Dass Götter allzu menschlich reagieren können, las man schon in Homers Epen, und die Eddings führen auch nichts Gegenteiliges im Schilde, wenn sie Dweia schließlich menschliche Form annehmen lassen und Althalus mehr als hingerissen ist. Wie schon erwähnt, steht die Existenz der Welt und damit auch der Fortbestand des Werks Deiwos auf dem Spiel. Dweia sorgt dafür, dass Althalus das Buch ihres Bruders liest, das sich als mächtige Waffe erweist.

Der Gegner schläft allerdings nicht, und Daevas Scherge Ghend hat bereits eine schlagkräftige Gruppe um sich geschart, um Chaos über die Welt zu bringen. Dweia und Althalus stehen ohne Verbündete da, und so machen sie sich auf die Suche nach Gefährten. Die finden sie in einer Gruppe unterschiedlichster Personen mit bemerkenswerten Fähigkeiten. Allerdings benötigen die unvorbereiteten Gefährten noch einiges an Fürsorge und Schulung, um die kommenden Gefahren zu überstehen.

David Eddings ist ja vor allem auf dem Gebiet der epischen Fantasy ein Bestsellerautor mit einer eingeschworenen Leserschaft, und so serviert er ihr natürlich auch eine Bedrohung von wahrhaft epischen Ausmaßen: Während die Truppen des Bösen schon an den Grenzen der zivilisierten Welt stehen und sie zu überrennen drohen, muss Althalus ausgerechnet einen Kriegerstamm auf seine Seite ziehen, dessen Häuptling er in der Vergangenheit einmal übervorteilt hatte. Das war zwar schon einige tausend Jahre her, doch weiß man bei dem Stamm natürlich noch den Namen des Übeltäters, von dem alte Legenden berichten ...

Eine der besten Eigenschaften der Eddings ist ihr Humor. Der kommt natürlich nicht so schrill daher wie beispielsweise in den Büchern Terry Pratchetts und trägt an manchen Stellen gar satirische Züge, doch kommen Leser, die zwischendurch gern lachen, voll auf ihre Kosten. Ob es sich dabei um Betrachtungen zur Ökonomie südlicher Reiche, die Praxis des Steuereintreibens im Allgemeinen (und den amüsanten Widerstand der reichen Bevölkerungsschichten im Besonderen) oder Anmerkungen zu Farbunterschieden bei den Kutten der unterschiedlichen religiösen Orden handelt, die Seitenhiebe auf die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit sind durchaus treffsicher angesetzt.

Was allerdings beim Lesen manchmal ärgert, ist die Berechenbarkeit der Finsterlinge - und teilweise auch ihre Dusseligkeit. Da hilft auch nicht der Vermerk, dass es sich bei manchen der Gegner "nur" um Barbaren handele. Das klingt hochnäsig und zivilisationsoptimistisch. Die Figuren, die Althalus und Dweia um sich scharten, haben es mitunter einfach zu leicht, zumal ihnen mit dem Haus und seinen Türen, durch die sie Raum und Zeit manipulieren können, eine mächtige Waffe zur Verfügung steht. Ein paar schiere Verzweiflungsmomente mehr hätten der Spannung im Roman sicherlich gut getan. Besonders an der Stelle, als die Arumer Krieger sich vor der nahenden Armee zurückziehen mussten und Zuflucht auf einem Felsen suchten, ging dann doch alles zu glatt über die Bühne.

Der Band hat eine weitere Schwäche, die nicht verschwiegen werden sollte: Eddings Romane sind fast immer im Zwiespalt zwischen Kopf und Bauch geschrieben, und vor allem bei "Althalus" ist das zu spüren. Immer dann, wenn die Hauptpersonen über ihr nächstes Vorgehen schwadronieren und strategische Schritte gegen den Feind disputieren, wird das Erzählte ausgesprochen kopflastig. Die Dialoge nehmen dann schon vieles vorweg, was die erzählte Aktion hinterher viel anschaulicher erledigt. Allerdings darf dies nicht als strenges Verdikt über die Dialogkunst der Autoren gesehen werden, denn das Gesagte wirkt alles andere als hölzern. Aber schon Goethe bemerkte, dass getretener Quark eher breit denn stark würde, und so blickt man manchmal verwundert drein, wenn die Hauptfiguren über einige Seiten hinweg ausplaudern, was dann auch tatsächlich so passiert und noch einmal als Nachtrag haarklein geschildert wird. Diese Art erzählerischer Vorwegnahme lässt manch nachgelieferte Aktion wie ein zweitklassiges Deja-vu wirkungslos verpuffen.

Trotzdem sind die Dialoge in Eddings Werken nicht ganz ohne. Vor allem sind sie das Vehikel für Humor und bringen den Lesern die Protagonisten in ihren Eigenarten um vieles näher als reine Beschreibungen. Die Figuren sind hinreißend gezeichnet, und die Schrullen mancher kauzigen Person treten erst in den verbalen Gefechten zutage. Die Wortwechsel zwischen Dweia und Althalus wirken manchmal wie die liebenswürdigen Sticheleien eines älteren Ehepaars. Ob sich die Eddings mit "Althalus" einer gemeinsamen Schreibtherapie unterzogen haben? Aber das fällt denn doch etwas in den Bereich der Psychoanalyse...

Fazit: Einsteiger, die Eddings Fantasy-Welten erst einmal in einem Einzelband erproben wollen, können bedenkenlos zugreifen. Sie werden sicher nicht enttäuscht. Für die Freunde und Kenner von Eddings Werk dürfte "Althalus" wohl einen willkommenen Lückenfüller darstellen um die Zeit zu überbrücken, bis wieder eine groß angelegte Saga erscheint. Zumindest in den USA ist im Oktober 2003 mit dem Roman "The Elder Gods" bereits der Auftakt zur neuen Dreamers-Serie erfolgt. Bis diese den Weg über den großen Teich findet, ist die Geschichte um den Dieb namens Althalus der beste Weg, sich Eddings nicht abzugewöhnen, bevor man zum wiederholten Mal die Malloreon-, Belgariad-, Elenium- und Tamuli-Sagas aus dem Regal holt.

© 2004 Stefan Wölfel