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Rezension

Unser Testregal:

Historisches: Muntere Mythen

Valerio M. Manfredi
Die letzte Legion. Roman.
Gebundene Ausgabe - 541 Seiten - Kabel
Erscheinungsdatum: Februar 2003
ISBN: 3822506273

Thomas Hardy war, wenn ich mich nicht irre, der Erfinder des so genannten Cliffhangers, einer ausweglosen Situation, die erst in der nächsten Folge oder im folgenden Kapitel in Wohlgefallen aufgelöst wird. Damals hatte das etwas mit der Produktion zu tun: Bücher kamen nicht als ganzes Werk, sondern als Teillieferungen heraus. Da musste natürlich die Spannung hoch gehalten werden. Valerio Massimo Manfredi hat sich die Mechanismen des Cliffhangers hinter die Löffel geschrieben, wie es scheint, denn das Ende jedes Kapitels schreit den Leser förmlich an, gleich zum nächsten weiterzublättern. Insofern sei gleich der erste Urteilsspruch über den historischen Roman gefällt, den uns der italienische Autor auf rund 560 Seiten vorlegt: Ungemein spannend!

Manfredi, von Haus aus Archäologe, sollte wissen, wovon er schreibt. Zumindest kann er es in eine mitreißende Story verpacken. Im Rom des Jahres 476 n. Christus geht es drunter und drüber: Der alte Glanz ist verflogen, Cäsaren kommen und gehen, die germanischen Heerscharen sind schon lange eine Macht im Staate. In dieser Zeit wird ein 13-Jähriger namens Romulus Augustus (genannt Augustulus) auf den Thron gesetzt. Der Barbar Odoaker will natürlich die Herrschaft an sich reißen, und sein Helfershelfer Wulfila lässt Augustulus' Eltern töten. Irgendwie wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass Manfredi hier viel zu einfach gestrickte Klischees bedient, indem er Odoakers Goten zu bösartigen Barbaren macht und die Römer als hehre Lichtgestalten edel und gut agieren lässt. Das wirkt ein wenig wie die Rache des Spätrömers Manfredi an einem Felix Dahn, der im "Kampf um Rom" seinerzeit dem degenerierten Rom durch die Germanen eine Frischblutzufuhr verabreichte. So folgt der zweite Urteilsspruch: Irgendwie klingt das Ganze nach einer vergangenheitsbewältigenden Schreibtherapie, der sich Manfredi hier unterzog. Bedingt glaubhaft ist das, und das funktioniert auch nur in einem krassen Gut-Böse-Gegensatz, in dem Manfredi die Goten zu den Totengräbern des Römischen Reichs macht. Historische Fakten lässt er zu Gunsten jener Spannungsmomente, die sich aus diesem Gegensatz ergeben, einfach fallen. Ich möchte nur anmerken, dass sich das imperiale Rom schon im zweiten Jahrhundert auf dem absteigenden Ast befand. An dem Punkt seiner geografisch größten Ausdehnung konnte militärisch nur noch der Status Quo erhalten werden, weitere Eroberungen waren schon strukturell nicht mehr möglich. Für eine Wirtschaft, die sich aus Eroberungen finanzierte, eine fatale Situation. Die Reichen zogen sich aus den Städten zurück auf ihre Landgüter, ihnen folgten die Händler, die Städte verödeten. In einigen Orten sank die Bevölkerungszahl um mehr als 80 Prozent. Rom selbst bemühte sich in dieser Lage um die "Barbaren", nutzte sie als billige Truppen, da die reguläre Armee als solche nicht mehr zu finanzieren war. Folge: die als "Barbaren" Gescholtenen eigneten sich römischen Lebensstil an, ließen sich nur zu gern romanisieren, hingegen die recht dünn gewordene römische Stadtbevölkerung, sowieso nur noch aus der Unterschicht bestehend, wurde "barbarisiert". Und ein letzter Punkt: War es nicht der oströmische Kaiser Zeno, der Odoaker schlicht zum Herrscher Westroms ernannte? Mit diesem Hintergrund wirkt manches bei Manfredi ziemlich peinlich. Wohl dem Leser, der von antiker Historie keinen blassen Schimmer hat.

Augustulus und sein keltischer Tutor Ambrosius werden in die Verbannung geschickt. Während der junge Exilkaiser im Tiberius-Palast durch die Kellergewölbe pirscht, fällt ihm ein magisches Schwert in die Hände - die legendäre Waffe Cäsars. Natürlich wird damit schon angedeutet, dass ein gefundenes Schwert durchaus Herrschaftsansprüche legitimiert. Die Mythen der europäischen Völker sind voll von solchen Geschichten. Und von diesem Moment an jongliert Manfred munter mit Legenden, Mythen und historischen Fakten. Schön, dass er dabei nie Spannung und Lesbarkeit aus den Augen verliert. Dem jungen Kaiserchen eilt die letzte Legion unter dem Befehl des tapferen Aurelius zu Hilfe. Die Verbannten werden befreit und machen sich auf zu neuen Ufern, in diesem Fall nach Britannien, wo die Helden der Showdown am Hadrianswall ereilt. Nun, die Pointe der Story will ich mir hier ersparen, denn Manfredi schließt seine Version der Geschichte vom Untergang des Weströmischen Reiches mit einer satten Überraschung ab (die für Kenner der britischen Geschichte schon jetzt keine mehr ist), und die möge jeder selbst genießen.

Soweit die überaus positiven Seiten von Manfredis Werk. Nun kommen wir zu den weniger erfreulichen Dingen: Anfangs wurde der Cliffhanger-Charakter der Kapitel angemerkt, und beim Lesen hat man den Eindruck, als sei das Buch die Nacherzählung eines Sandalenfilms. Manfredi selbst erklärt in einem Nachwort, dass er den Plot in einer "filmischen Perspektive" darstellte. Er scheint wohl schon auf eine Verfilmung des Stoffes zu spekulieren. Bei der Anwendung literarischer Mittel geht das allerdings in die Hose, und deshalb geraten einige Kapitel etwas zu plakativ und fallen auf das inhaltliche Niveau amerikanischer TV-Serien. Die Anachronismen in Manfredis Sprache lassen ein eher schlechtes Licht auf den promovierten Archäologen fallen.

Trotzdem: Manfredis Die letzte Legion ist ein Genuss ohne Reue, der auch - oder gerade? - Lesern ohne historischen Background nicht viel abverlangt. Als Vorbereitung aufs Geschichtsabitur mag das Werk mit Pauken und Trompeten versagen. Aber als spannender historischer Roman ist die Lektüre eine feine runde Sache.

© 2003 Peter Escher