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Rezension

Unser Testregal:

Appetitliches: "Sergeant, geben Sie mir noch eine Elfe!"

Mary Gentle
Die letzte Schlacht der Orks. Roman.
Taschenbuch - 650 Seiten - Heyne
Erscheinungsdatum: Dezember 2003
ISBN: 3453875362

Nur ein Wort zur Einstimmung vorweg: krass! Bei dieser Lektüre besteht nämlich Helmpflicht, lachsalvensichere Zwerchfellweste wird angeraten, denn diese Orks sind zum Schießen!

Orks sind, wie wir aus zahlreichen Veröffentlichungen des Fantasy-Genres wissen, überzeugte Anhänger der Finsternis und der Bösartigkeit. Nichts tun sie lieber, als kämpfend über das Erdenrund zu ziehen, und wenn gerade kein Gegner greifbar ist, raufen sie untereinander. Soweit so gut. Bis hierher kann Tolkiennormalverbraucher bestimmt noch folgen. Die Orks, die Mary Gentles Roman bevölkern, machen zu Anfang in dieser Beziehung auch gar keine Ausnahme:

Ashnak, ein ausgesprochen bärbeißiges Exemplar jener fürchterlichen Rasse, und sein wilder Haufen, der sich Kampf-Agaku nennt, eilt nur zu gern für den Namenlosen Nekromanten und den höchsten Gebieter, den Fürsten der Finsternis, in die Schlacht gegen das Heer des Lichts. Denn sie wissen: Nach der Schlacht ist vor dem Essen! Aber die Agakus müssen einen Auftrag erfüllen, der nicht nur ihr Leben, sondern die ganze Welt verändern wird! Die muntere und immer hungrige Truppe soll aus der Höhle des bösen Drachen Dagurashibanipal etwas für ihren Gebieter stehlen. Das finstere Reptil entpuppt sich als versierter Militariasammler, der aus allen möglichen Welten und Dimensionen Kriegsgerät gehortet hat. Aber den Orks fallen nicht nur ultramoderne Waffen in die Hände - ein Drachenzauber verwandelt ihre Mentalität. Das Schlimme daran ist: Sie verwandeln sich in ... Marines!

Ja, liebe Leser, Sie haben richtig gelesen. Marines. Und jetzt versteht auch jeder, weshalb auf dem Klappentext steht, dass das Heer des Lichts nun ein großes Problem hat. Aus einem verwahrlosten Haufen Blutsäufer in Lendenschurz wird ein offensichtlich gut gedrillter Haufen Blutsäufer in Uniform.

Dem versierten Fantasy-Leser fährt dabei sicherlich ein gehöriger Schrecken ins Gebein. Tolkien meets Warhammer? fragt man sich unwillkürlich. Denn schon jetzt ist klar: An dieser Stelle des Romans, in der Ashnak seine verlauste Rasselbande zu einer modernen Eliteeinheit drillt, werden sich die Geister garantiert scheiden. Die ganze Geschichte entpuppt sich als Satire, die bissig nach allen Seiten auskeilt und das Fantasy-Szenario nur noch als Vehikel benutzt. Zugegebenermaßen macht diese Satire einen Heidenspaß, und wer sich darauf einlässt und ein wenig Orkhumor mitbringt, wird sicherlich nicht enttäuscht. Aber Fantasy im eigentlichen Sinne ist das nicht mehr. Diese Fantasy-Farce wird nämlich auf den gesamten 650 Seiten zu einem galoppierenden Wahnwitz:

Die Orks gehen voll und ganz in ihrer Aufgabe auf, eine moderne Armee zu werden, dass sie sogar manche liebgewonnenen Eigenheiten, wie beispielsweise die Undiszipliniertheit, aufgeben. Mit Hingabe trainieren sie Nahkampf, Häuserkampf, Strategien und Taktiken zu Wasser, zu Lande und in der Luft, entwickeln immer neuere ballistische Schweinereien (die oft nach hinten losgehen, aber was zählen schon ein paar Orks...) und lieben es, wenn sie die Hacken zusammenknallen dürfen. Von nun an sind sie eine disziplinierte Mörderbande, die nichts lieber mag als Menschen, Elfen, Halblinge und Zwerge - am Besten gegart in Knoblauchsud. "Leider" geht die große Schlacht der Finsternis gegen das Licht etwas unvorteilhaft für die Orks aus, und sie wehren sich mit Krallen und Klauen, einfach nur verheizt zu werden. Es kommt wie es kommen muss: Die Finsternis wird geschlagen, die Orks von ihrem Gebieter verraten, und so verschanzt sich Ashnaks Trupp in einer abgelegenen Bergfeste, wo sie sich einigeln und auf bessere Zeiten hoffen. Aber die sollen bald kommen:

Als die Orks mit Hilfe zwielichtiger Halblinge Mittel und Wege finden, ihre Waffen vor dem Einfluss von Magie zu schützen, steht ihrem Siegeszug eigentlich nichts mehr im Wege. Doch Ashnak, der sich inzwischen General nennt, hat Großes vor: Er bandelt mit einer Halblingsherzogin an und legt mit ihr den Grundstein für ein Wirtschaftsimperium - und auch eine halborkische Herzogsfamilie. Die Halblinge verkaufen die Waffen, die Orks trainieren die Kunden im Umgang mit AK47, Kalashnikov & Co. Leser, die mit so hehren Lichtgestalten wie den Elfen nichts anfangen können, werden sicherlich feixend solche Stellen genießen, in denen orkische Sergeanten hinterwäldlerische Elfenrekruten übers Trainigsgelände robben lassen. Natürlich genießen die Orks ihr Kasernenhofidyll, aber die Freude über die neuen Aufgaben währt nicht lange, denn ihre finstere Vergangenheit holt sie wieder ein. Der als verjagt geglaubte Fürst der Dunkelheit taucht mit seinem Nekromanten wieder auf, um erneut die Weltherrschaft zu erringen.

Kann es sein, dass sich Ashnak und seine Marines plötzlich zwischen allen Stühlen sitzen fühlen? Natürlich hält der Finsterling "seine" Orks immer noch für seine größten Fans, und sie sollen ihm zu einem gloriosen Comeback verhelfen - und zwar als Wahlhelfer, denn der Leibhaftige ist nicht mehr daran interessiert, einen rein militärischen Sieg zu erringen. Er will in einer durch Ork-Marines und Waffengewalt geeinten Welt eine demokratische Wahl gewinnen. Nun stellt sich für den inzwischen zum Feldmarschall beförderten Ashnak die Frage, wie man sich des Fürsten der Finsternis endgültig entledigt, denn dem Soldaten ist klar, dass Demokratie keinem noch so gut eingedrillten Korpsgeist gut tut.

Wer jetzt immer noch glaubt, keine Satire in Händen zu halten, dem ist nimmer zu helfen. Das Buch von Mary Gentle ist eine schrille Tour de Force durch eine Fantasy-Welt, die Seite für Seite in erschreckendem Maße wie die unsere auszuschauen droht. Nun gibt es ja in einigen (älteren) Literaturtheorien das Wort vom prod esse et delectare, eine Forderung, nach der die Lektüre also nützlich zu sein und gefälligst zu erfreuen hat. Bei diesem Werk findet man den Nutzen sicherlich in der satirischen Darstellung des Militarismus, der amüsant, aber ausgesprochen zynisch auf die Spitze getrieben wird. Nur beim Punkt des "Erfreuens" ist der Rezensent noch etwas gespalten: Diese Orks haben es faustdick hinter den angespitzten Löffeln. Schon von jeher wissen Kenner der Fantasy, dass orkische Ethik nur aus einigen wenigen Paradigmen bauchgesteuerten Denkens besteht, aber der Berufsethos moderner Militärs setzt dem Ganzen eine passende Krone auf. Der Humor, meist derb bis bissig, aber immer unsubtil bis plakativ, gibt sich verwandt mit den blutigsten Sketchen der Monty Pythons. Wie es manche Brutalitäten in ihrer urig-humorigen, sowohl elfen- als auch zwerg- und menschenverachtenden Ausgestaltung durch die Freiwillige Selbstkontrolle des Verlags geschafft haben, ist mir jedoch ein Rätsel. Mancher Lacher beim Lesen wird nämlich prompt von einem Schuldgefühl der ethischen Art begleitet.

Fazit: "Die letzte Schlacht der Orks" ist keine reine Parodie auf die Fantasy. Hardcore-Tolkienisten, die Fantasy als ein in sich geordnetes Regelwerk aus ernsten, heroischen, allegorischen Elementen betrachten und auf den Gegensatz zwischen hehr und nieder beziehungsweise gut und böse bestehen, sollten auf jeden Fall die Finger von dem Roman lassen. Eher angesprochen sind die Fans von Terry Pratchett, die die Zeit bis zum nöchsten großen Wurf des Scheibenwelt-Meisters überbrücken wollen. Für diese Klientel gilt: Zugreifen, denn sie werden es nicht bereuen. Für den Rezensenten gilt: Er wird sich das Buch auch in der Originalausgabe besorgen, um auch den letzten von der Übersetzung glattgebügelten Gag zu entdecken.

© 2004 Stefan Wölfel