Sie sehen diese Seite derzeit weitgehend ohne Layout-Elemente. Sollten Sie CSS nicht absichtlich deaktiviert haben, setzen sie vermutlich einen alten Browser wie Netscape 4.x ein, der mit Style Sheets nicht korrekt umgehen kann. Die Seite sollte so aussehen.
Previously Unreleased Literature Project
Zur p.u.l.p.fiction-Startseite

Rezension

Unser Testregal:

Wiederentdeckt: Belgische Kriminologie

Das Simenon-Lesebuch
Broschiert - 525 Seiten - Diogenes Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2002
Auflage: 2. erw. u. verb. Aufl.
ISBN: 3257205007

Er macht einen richtig krank, dieser Simenon. Ehrlich, als Freund ausufernder literarischer Betrachtungenen läuft man bei einem Schreiber wie Simenon schlichtweg auf: Der Erfinder des Maigret hat seinen Wortschatz radikal reduziert, da wird kein Buchstabe zuviel gesetzt. Trotzdem sind seine Geschichten nicht einfach nur Blaupausen von herrlich verwinkelten Mordaufklärungen. Der Minimalismus seiner Fabulierkunst hat einen außerordentlichen Effekt: Der Blick wird klar fürs Wesentliche, er entkleidet die Protagonisten vor seinen Lesern und lässt sie ungeschminkt in den tiefen Grund der menschlichen Seele schauen. Vorbehalte verwandeln sich in verzweifeltes Mitgefühl, und manchmal möchte man sich dem Verdikt des Autors anschließen, dass es eigentlich keine Verbrecher gibt. Da werden die Verläufe von menschlichen Schicksalen zum Vehikel für Selbsterkenntnis - und irgendwie wird man am Ende der Simenon-Lektüre auf wundersame Weise doch wieder gesund.

Sprachlicher Minimalismus kann jedoch nur in Händen eines außergewöhnlich guten Autors ein treffsicheres Instrument sein. Und Simenon war mehr als gut. Am 13. Februar 2003 wäre er 100 Jahre alt geworden, und der Zürcher Diogenes Verlag legt allen Freunden des Vielschreibers Simenon einen empfehlenswerten Band vor - und ich möchte Ihnen diesen ans Herz legen! Das Simenon-Lesebuch ist kein Buch von Simenon, sondern ein Buch über Simenon - auch wenn der Autor selbst oft genug zu Wort kommt. Zum Beispiel in den schon erwähnten Erzählungen im ersten Teil, in denen der französischsprachige Krimiautor sich als Meister der Kurzform erweist. Er brauchte nur wenige Federstriche, um ein Schicksal zu zeichnen, das dem Leser noch lange in der Erinnerung haftete.

Der zweite Teil des Bandes ist natürlich ein Leckerbissen für den Krimifreund im Allgemeinen und den Simenon-Fetischisten im Besonderen: Er enthält den vollständigen Briefwechsel Simenons mit André Gide aus den Jahren 1938 bis 1950. Dazu runden Reportagen, Erinnerungen und Essays - teils von ihm selbst, teils über ihn - das vielschichtige Bild Simenons ab, den man gerne zu den wichtigsten europäischen Autoren zählen möchte. Genau das richtige Buch, um Simenon zu entdecken. Und um ihn neu zu entdecken.

© 2003 Anonymus