Dorvin der Große
Liebe Leserinnen und Leser,
Schreiberling Escher obsiegte endlich seiner Faulheit. Somit veröffentlichen wir die ersten Kapitel zu seinem Fantasy-Roman "Dorvin der Große". Die Fortsetzung erscheint im März. Bis dahin empfehlen wir als mentales Aufwärmtraining Conan der Rhabarber von R. E. Hauer... ;-)
mfg
Schreiberling Wölfel
Dorvin der Große
von Peter Escher
Prolog: Eliammahs Wacht
Zwischen einst und nimmermehr erhob sich der Wächter von seinem Platz an der ewigen Pforte, denn Unruhe überfiel ihn. Die Eingebung, flüchtig, aber schmerzhaft wie ein Nadelstich, schreckte ihn auf. Langsam erhob er sich, regte sich zunächst zaghaft, als erforschte er seine Kraft, doch dann sprang er mit einem mächtigen Satz von dem steinernen Sockel, auf dem er unzählige Jahre verharrt hatte. Witternd hob er den Kopf und schaute zur Pforte hinaus, die vor ihm wie ein riesiger schwarzer Spiegel aufragte und in die Unendlichkeit hinausführte.
Irgendetwas hatte die Gleichförmigkeit in der kleinen Ewigkeit seiner Wacht gestört. Er musste Gewissheit haben. Und so fasste er nach seinem ehernen Stab, blickte ein letztes Mal in die lichte Helle seines Ruheplatzes und trat dann entschlossen zur Pforte hinaus.
Finsternis verschluckte ihn. Sofort fiel das Gewicht seines Körpers von ihm ab, und er schwebte, wie ihm schien, in die Höhe. Leichter und leichter wurde er, als löste er sich auf; tatsächlich überwand er die Stofflichkeit seines Körpers. Aus Materie wurde Energie, und während sich sein Wesen wandelte, schien die Schwärze um ihn herum weniger bedrohlich zu wirken. Kleine Lichtinseln in großer Ferne konnte er nach und nach erkennen, als er hinausgetrieben wurde. Nach einiger Zeit lag der Weg klar vor ihm, und er schaute die Struktur der Natur: Wie ein Webwerk aus Energie strömten die Beziehungen zwischen allen Dingen unter ihm zusammen. Dünne Linien, die wie ein gigantisches Gespinst aus leuchtenden Fäden zu einem Mantel der Unendlichkeit verwoben waren, verliefen unter ihm, kamen hervor aus dem Nichts, brachten Energie, Licht und Information herbei, und verloren sich in der Ewigkeit. Er warf einen letzten Blick zurück zur Pforte, durch die er gegangen war.
Der Wächter ließ sich weitertreiben. Die Gleichförmigkeit des Webwerks erfüllte ihn mit Ehrfurcht, und er betrachtete die Verknüpfungen nicht ohne Genuss. Trotz aller sichtbarer Linearität erfüllte ihn eine düstere Ahnung, so wie beim Anblick eines vermeintlich frischen Apfels sich doch ein Wurm darin verbergen kann. Sorgsam verfolgte er die Linien, kam von Knotenpunkt zu Knotenpunkt, nur konnte er nichts entdecken, was seine Befürchtungen bestätigte. Ratlos wandte er sich hierhin und dorthin, suchte nach Spuren, doch fand er nichts außer Ruhe und Gleichmäßigkeit. Doch war es gerade dies, was ihn so beunruhigte. Nichts ist so unvollkommen wie die Perfektion, dachte er und spürte weiter.
Aus einer Richtung erscholl plötzlich Lärm - eigentlich war es kein "Lärm", kein Geräusch, das sich in der Bewegung von kleinsten Teilchen in Wellenbewegungen fortsetzte und an ein Ohr dringen konnte. Es waren Erschütterungen im Netz der Ewigkeit, aber dem dahintreibenden Wächter erschienen sie wie aufgeregte Stimmen. Er wandte sich um und näherte sich. An einer Verknüpfung zwischen zwei gleißenden Linien erkannte er einige Wesen, die zum Völkchen gehörten. "Völkchen", so nannten die Wächter die kleinen, zu jedem Schabernack aufgelegten, aber immer liebenswerten Biester, deren Heimat die Unendlichkeit zwischen den Welten war. Sie wechselten zwischen den Sphären nach Belieben und brauchten kein Portal dafür; eine Eigenschaft, um die sie jeder beneidete. Der Wächter selbst hatte kleine Ewigkeiten der Übung zugebracht, bis er die Kunst der Wandlung beherrschte, und diese kleinen Wesen verfügten darüber vom ersten Moment ihrer Existenz, als wäre es die einfachste Sache des Universums.
Der Wächter kam näher, und als das Völkchen seine Aura wahrnahm, stoben sie zunächst auseinander wie Funken zwischen zwei Feuersteinen, als wäre der Schrecken in ihre Mitte gefahren. Als er sich zu erkennen gab und sie ihn als Wächter erkannten, schwirrten sie fröhlich auf- und abtanzend zu ihm hin. Hatte er eben noch ihre Furcht gespürt, so brandete nun wie eine Welle ihre Freude über ihn hinweg. Der Wächter war gerührt. Er konnte die Gefühle des Völkchens spüren: einfach, ehrlich und natürlich waren sie. Sicherlich konnten sie manchmal böses denken und sicherlich auch tun, doch verstellten sie sich nie. Und nun konnte er in ihrer überschwänglichen Freude über sein Erscheinen eine tiefer liegende Substanz fühlen: Angst.
"Wovor fürchtet ihr euch?" fragte er.
"Eliammah", riefen sie ihn mit Namen und umtanzten seine Aura wie Sternschnuppen, die sich in einem größeren Körper verstecken wollten. Aus ihren schreckhaften Bewegungen las er, aus welcher Richtung die Bedrohung kam. Zögernd schwirrten sie dorthin, und Eliammah folgte ihnen. Ein Fluss reinster Energie zog sich unter ihnen durch die Dunkelheit. Sie ließen sich entlangtreiben, bis das Völkchen zögernd hielt. Nun spürte auch der Eliammah, der Wächter, die Bedrohung.
Der Fluss, dem sie ein von Knotenpunkt zu Knotenpunkt eine Weile gefolgt waren, zweigte unvermittelt ab. Und auch andere Linien, die an diesem Punkt zusammenlaufen und ein neues Geflecht von Materiebeziehungen bilden sollten, fanden nicht zusammen und verloren sich in der Ewigkeit - als hätte jemand einen Stein in einen Spinnennetz geworfen, wurden die Fäden vom Wind der Unendlichkeit verweht.
Eliammah besah sich die Störung, und er eine erste Ahnung, dass hier jemand die Struktur zerstören wollte, befiel ihn. Vorsichtig forschte er weiter und folgte den losen Fäden. Sie gingen nicht willkürlich in alle Richtungen auseinander, wie er zunächst vermutete. Vielmehr folgten sie einem bestimmten Muster, bildeten weitere Knoten, verstärkten den Fluss, nahmen herrenlose Strömungen auf und strebten einem bestimmten Ziel zu.
Plötzlich spürte Eliammah, wie sich um ihn herum alles verdichtete. Seine Aura wurde angezogen, wie er es beim Aufbruch von seinem Portal her verspürt hatte - nur in umgekehrter Reihenfolge. Jemand hatte ein neues Portal geschaffen! Eliammah wandte sich gegen den Sog mit all seinen Kräften. Mühselig war sein Kampf gegen den Energiefluss, doch konnte er sich befreien.
Aus großem Abstand betrachtete er nun den Verlauf der Linien, und er korrigierte seine Befürchtung. Nicht ein neues Portal war geöffnet worden, sondern mehrere. Und sie führten alle auf eine bestimmte Welt der Materie.
Und nun verstand er: Ein Spieler, den er noch nicht kannte, hatte auf dem Schachbrett der Ewigkeit seine Figuren gesetzt - jedoch durch verbotene Spielzüge. Nun, Eliammah beschloss, die Herausforderung anzunehmen und sich ebenfalls Figuren zu suchen, um dem Störenfried entgegenzutreten. Allerdings wurde ihm etwas mulmig beim Anblick der Verbindungen, die der Gegner geschaffen hatte. Eliammah war sich nicht sicher, was ihn erwartete, aber zurück konnte er nicht mehr. Die Ordnung musste wieder hergestellt werden.
"Fürchtet euch nicht!" sagte er zum Völkchen, das neugierig näherschwirrte. "Kommt mit mir, wir werden viel Spaß haben."
Und so stürzte sich Eliammah wie ein Komet hinab in die Welt, begleitet von einem Schwarm jubelnder Sternschnuppen.
... weiter geht's mit Kapitel 1!
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