Der Henker
Roman von Anonymus
Kapitel 1
Wie wird man Henker? Ich weiß es nicht genau, aber ich will einmal versuchen, es zu erklären. Wenn ich zurückschaue auf meine Kindheit, so erscheinen vor allem zwei Dinge beeindruckend und deshalb bedeutsam für mein Leben. Das eine war Berta, unsere Haussau: fett, fröhlich und Mutter vieler Ferkel. Das andere war mein Vater. Und ich glaube, das Unheil begann als beide sich begegneten.
Über Mutter kann ich nur sagen, dass sie immer da war, mich immer ordentlich kleidete, für saubere Ohren und eine warme Mahlzeit am Tag sorgte (auch wenn es nur Wassersuppe mit Wurzeln war) und an Sonntagen den ganzen Hof in die Kirche zerrte.
Onkel Herbert war Bahnhofsvorsteher und kam verdächtig oft zu Besuch. Er liebte Uniformen, aber scheinbar keine Soldatenuniformen, sonst wäre er bestimmt bei Vater draußen an der Front.
Hans war unser Knecht und eine gute Seele. Er redete nicht viel, und besonders nicht viel Böses, sondern tat viel Gutes. Mir fiel auf, dass er oft mit den Tieren im Stall und auf der Weide redete, aber meistens den Mund hielt, wenn er unter Menschen war. Am liebsten unterhielt er sich mit Frido, unserem alten Dobermann, der schlecht sah und nur noch humpelte und deshalb von seinem bevorzugten Platz neben der Holzbank vor dem Stall kaum noch wegzubewegen war. Die beiden saßen oft zusammen in eine Art Konversation vertieft; Hans sprach und Frido bewegte die Ohren. Aus der Stellung der durchs Alter ausgefransten braunschwarzen Löffel schloss Hans Zustimmung oder Missfallen, und so unterhielten sie sich prächtig tagaus tagein.
Sonst gab es auf unserem Hof nicht mehr viel. Wir hatten zwei Kühe, Hilde und Lore, die schon recht alt waren und wir deshalb nur noch wenig Milch von ihnen erwarteten. Wir mussten sie nicht mehr hinaus auf die Weiden führen, die kleine Wiese hinter dem Haus am Teich reichte vollkommen aus. Außerdem hatten wir zwei mal zehn Gänse, aber das durfte ich nicht verraten. Eigentlich hatten wir nur zehn, die wir einmal vormittags und einmal nachmittags auf die Wiese führten. Natürlich waren es nie dieselben Gänse, die neugierige Nachbarn oder die Herren von der Verwaltung sahen, die andere Hälfte verbargen wir im Stall. Denn man durfte nur zehn Gänse halten, jede weitere musste abgegeben werden. Die kam dann als Braten an die Front. Sagte Mutter.
*
Wie jeden Morgen war ich, kaum dass Mutter meine Ohren inspiziert hatte und ich eine Kante Brot sowie einen dieser süßen aber schrumpeligen Äpfel aus dem Keller verdrückt hatte, zum Stall gelaufen, um nach den Tieren zu sehen und sie mit Hans auf die Wiese zu treiben.
Ich merkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, als ich aus dem Haus trat. Hans, der schon Stunden vor mir aufstand, kniete neben dem Hund und machte ein trauriges Gesicht. Stumm trat ich näher. Der arme Frido hatte alle Viere von sich gestreckt, zitterte am ganzen Leibe und verbiss sich in den alten Lumpen, auf dem er immer am liebsten gelegen hatte. Seine Augen waren wie Milch, als hätte sich der Morgentau auf sie gelegt und die Lider nicht die Kraft, ihn wegzuwischen.
Hans schüttelte den Kopf und stand auf, wobei er seine müden Knochen an der Holzbank abstützte. Ich ließ meine Hand über Fridos Fell streichen und kraulte ihn am Hals. Hans öffnete wortlos die Tür zum Stall, wo schon Berta, Hilde, Lore und zehn Gänse ihren Ausflug zum Teich erwarteten, und verschwand zwischen den Tieren. Einen Augenblick später kam er mit einer Schaufel wieder zurück, die er mir in die Hände drückte. Dann ließ er sich nieder, um den Hund aufzunehmen. Sachte und zärtlich hob er Frido mitsamt seiner Decke auf. Und so schritt er davon in Richtung Wiese. Und ich folgte mit der aufgeschulterten Schaufel. Und hinter uns kamen Schwein, Kuh und Gans.
Frido dicht ans Herz gedrückt, schritt Hans geradewegs hinaus ins Gras. Sein Ziel war der Walnussbaum, den mein Urgroßvater irgendwann zwischen seiner Rückkehr aus dem dänischen Krieg und seinem Tod in einem späteren Feldzug (ich weiß nicht welchen, er muss bei vielen dabei gewesen sein!) gepflanzt hatte und unter dessen Blätterdach schon einige von Fridos Vorfahren schlummerten. Auch Frido sollte dort schlafen, hatte Hans beschlossen. Die Prozession hinter uns stimmte einen grunzenden, muhenden und schnatternden Trauergesang an und ging schon zum Leichenschmaus über, als Hans zu mir sprach, und seine Stimme klang mir wie die eines Priesters, der die Demut seiner Gemeinde einforderte: "Er war ein guter Freund. Und er hat nie gefehlt. Nun müssen wir ihm gute Freunde sein."
Mir rieselte es kalt den Rücken hinunter, obwohl mir die Morgensonne in den Nacken stach. Gleichzeitig wurde es mir jedoch wohlig warm ums Herz, als ich sah, wie ein Rinnsal Tränen an Hans' Wangen hinablief. "Er hat Schmerzen," fuhr Hans fort, dem jedes Wort sichtlich Überwindung kostete. "Und wenn ein Freund Schmerzen hat, müssen ihn gute Freunde davon erlösen." Er beugte sich hinab, flüsterte Frido noch einen letzten Gruß ins Ohr, dann zog er sein Messer, mit dem er mir sonst schöne Schiffchen aus Kiefernborke schnitzte, und stieß es dem Hund tief ins Herz.
Erschrocken trat ich einen Schritt zurück, während Hilde und Lore mit gleichmütigen Augen nur kurz aufschauten und dann sofort wieder Grasbüschel aus dem Boden rupften. Ich kann nicht genau sagen, warum sich in jenem Moment in meinem Innern plötzlich ein Gefühl der Beruhigung einstellte. Fasziniert blickte ich auf den Strom dampfenden Bluts, der aus Fridos Wunde hervorquoll und sich über seine Schlafdecke ergoss. Ich fühlte tiefste Zustimmung. Hans hatte zweifellos das Richtige getan. Wie stumm Frido es hingenommen hatte und wie still er nun lag.
Hans begann sofort, ein Grab auszuheben. Da erscholl ein Ruf jenseits des Bahndamms hinter der Wiese, und als wir die Köpfe wandten, sahen wir eine Gestalt herbeieilen. Es war Onkel Herbert, der geradewegs von seiner Station kam und ein Stück Papier in der Hand hielt, das er aufgeregt hin– und herwedelte. Er lief geradewegs auf uns zu. Als er des toten Hundes und all des Blutes ansichtig wurde, blieb er stehen, als wäre er gegen eine unvermittelt herabgelassene Zollschranke gerannt. Er beugte sich vor und stützte sich mit beiden Händen auf den wackeligen Knien ab, wobei er das Papier in seiner Rechten fürchterlich zerknüllte. Schweißtropfen rannen die Stirn hinab, seine Uniformjacke war offen, sein Hemd schaute heraus.
"Was macht ihr denn da?" keuchte er und rang nach Atemluft. Sein Kaiser–Wilhelm–Bart zitterte über den Mundwinkeln. Er schien jedoch kaum an einer Antwort interessiert, da er gleich eine weiter Frage anhängte: "Wo ist deine Mutter?"
Ein wenig enttäuscht war ich schon, dass er nicht wissen wollte, was wir taten, auch wenn es ziemlich offensichtlich war, und eigentlich ärgerte ich mich über die Störung des Begräbnisses. Hans schien meiner Meinung zu sein, denn er blickte kaum auf, als er das Grab aushob und Onkel Herbert keines Blickes würdigte.
Ich deutete auf das Haus. Herbert schien noch etwas sagen zu wollen, doch schüttelte er dann den Kopf und lief, den Namen meiner Mutter laut ausrufend, auf das Haus zu.
Hans verzog das Gesicht, und irgendwie konnte ich verstehen, warum er meinen Onkel nicht sonderlich mochte. Er ließ sich jedoch nicht von seiner Arbeit abhalten. Als das Grab tief genug war, kniete er sich zu Frido hinab, streichelte ihn ein letztes Mal, um dann behutsam die Decke um den leblosen Leib zu legen. Und so ließ er Frido für den langen Schlaf hinabsinken ins feuchte Bett und deckte ihn zu mit Erde.
"Was er wohl jetzt träumen mag?" fragte ich.
Hans quälte sich ein Lächeln ab. "Von Wiesen und Wäldern. Einem Herrchen, das mit ihm auf die Jagd geht. Und einem wärmen Plätzchen am Ofen, wenn der Winter kommt."
Ich suchte noch einige Blumen zusammen, wobei mir Hilde und Lore wiederkäuend folgten und meinten, der Löwenzahn und die Margeriten wären für sie bestimmt, und legte sie als letzten Gruß auf den kleinen Grabhügel. Hans legte mir den Arm um die Schulter, und so standen wir eine Weile schweigend an Fridos Ruhestätte. Die kleine Andacht wurde nur begleitet vom Gezwitscher der Vögel in den Bäumen, dem Geschnatter der umhertapsenden Gänse, dem fröhlichen Grunzen Bertas und dem Kauen von Hilde und Lore. Und wurde dann von einem durchdringenden Schrei aus dem Haus gestört.
*
Es geschah alles blitzschnell. Mutter kam aus dem Haus gerannt, und Onkel Herbert setzte ihr nach. Ihre weiße Schürze bauschte auf, als sie auf die Wiese stürmte. Onkel bekam ihren Arm zu fassen und zog sie an sich heran. Meine Mutter war jedoch sehr kräftig, und sie überragte Herbert fast um halbe Kopfeslänge; sie riss sich los und gab ihm einen Tritt ans Schienbein. Ich sah, wie Herberts Augen schier aus den Höhlen herausfallen wollten. Er schnappte nach Luft und vergaß für einen Moment die Verfolgung. Mutter eilte ihm davon, bis sie in der Mitte der Wiese zum Stehen kam, mit beiden Händen an den Kopf fasste und ihre langen Haare raufte. Wieder schrie sie, dass mir angst und bang wurde. Unwillkürlich fasste ich nach Hans' Jacke und hielt mich daran fest, während die gute Seele mich fest an sich drückte.
Instinktiv begriff ich, dass es etwas mit Vater zu tun hatte, an den ich mich eigentlich kaum erinnern konnte und der mit einigen anderen Vätern aus dem Dorf in einem anderen Land war. Wie mein Urgroßvater, der irgendwo bei einer Ortschaft namens Sedong oder so ähnlich wie Frido jetzt unter einem Walnussbaum schlafen musste.
Mutter begann bitterlich zu weinen. Onkel Herbert trat von hinten an sie heran und fasste nach ihrer Schulter, während Mutter nun nicht mehr ihr Haar raufte, sondern unablässig Grasbüschel ausriss. Eine der Gänse watschelte herbei und pickte danach. Plötzlich schüttelte sich Mutter und wand sich aus Herberts Griff.
"Fass mich nicht an!" rief sie und streckte die Hände nach der Gans aus. Das Tier blickte sie neugierig an und ließ sich widerstandslos in den Arm nehmen. Ich konnte nicht hören, was Mutter dann sagte, aber es klang recht giftig, und Herbert sah verlegen seine Schuhspitzen an. Dann erhob sich Mutter mit der schnatternden Gans in Händen. Sie schien nun nicht mehr traurig zu sein, sondern eher wütend. "Ich rate dir, jetzt zu gehen", sagte sie zu Herbert, der einen Schritt zurücktrat. Dann wandte sie sich uns zu.
"Sohnemann! Ab in die Schule! Und du, Hans, machst den Schuppen sauber!" Und so ließ sie uns auf der Wiese zurück und lief zum Haus. Auf halbem Weg wandte sie sich noch einmal um. Als sie uns drei immer noch wie angewurzelt herumstehen sah, schien sie erst richtig wütend zu werden. Ihre Hände fassten nach dem Hals der Gans, dann stampfte sie mit ihrem Fuß auf. "Wird's bald?" rief sie, und ihre Stimme überschlug sich. Dabei fiel der Körper des Tiers hinab, Mutter hielt nur die Kehle fest und drückte unbarmherzig zu. Wir hörten es leise Knacken, die beiden Watschelbeinchen zitterten noch einmal, und das arme Gänschen machte noch schnell das letzte Häufchen seines Lebens, während es an Mutters Faust wie an einem Galgenstrick hing.
Onkel Herbert biss die Zähne zusammen, dass ich es knirschen hörte und wandte sich um. Hans blickte besorgt in mein Gesicht, das wohl ziemlich blass geworden war, während ich meiner Mutter nachschaute, wie sie das tote Tier hinter sich herschleifte und im Haus verschwand. Mir wurde fürchterlich schlecht. Hans richtete einen fragenden Blick an Herbert, der ebenfalls etwas weiß um die Nasenspitze wirkte. "Mein Bruder Hermann..." begann Onkel Herbert. "Dein Vater, Junge... er kommt aus dem Krieg zurück!"
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Dann wird der Vater aus dem Krieg heimkehren – und die Weiche für ein recht schnittiges Henkersleben gestellt...
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