Der Untergang der Oxford
von Stefan Wölfel
Teil 1
"Ein Sturmwind zieht herauf, und keiner wird sich ihm entziehen können!" So meinte der ehrenwerte Don Alonso, unser braver Kommandant, ahnungsvoll dem Gouverneur den Floh ins Ohr setzen zu müssen, dass Panama selbst das nächste Opfer der Piraten sein würde. Panama, die dem Atlantik abgekehrte und von dichten Wäldern und weiten Sümpfen geschützte Sonnenstadt - ein Juwel in Spaniens Krone.
"Amen!" tönte es da aus dem Munde des Bischofs in weißer weiter Albe unter einer schimmernden Purpurstola. Dem heiligen Mann war anzusehen, dass er sich nicht nur von fettesten Hostien und süßestem Messwein nährte. Der Gouverneur, nicht minder prächtig ausstaffiert und ebenso wenig ein Hungerleider wie der Bischof, bekreuzigte sich geschwind.
"In der Tat, Amen! Und: Gott steh uns bei!"
Don Alonso, hinter dessen Rücken ich reglos verharrte, straffte seinen Körper und erhob seine Stimme: "Vuestra Merced, Spione aus Port Royal und Tortuga berichteten, dass sich vor zwei Wochen eine riesige Flotte südlich von Hispaniola sammelte. Mehr als zweitausend Raubgesellen hat Kapitän Henry Morgan um sich geschart. Er will bestimmt nicht nur unsere Galeonen jagen!"
Gerade hob der Gouverneur ein saftiges Hühnchen, um es vom Teller zum Munde zu befördern, doch ließ er es wieder auf die silberne Platte fallen. Ihm war offenbar der Appetit vergangen. Mit großen Augen lugte ich über die Schultern Don Alonsos, um einen Blick auf all die verführerisch duftenden Köstlichkeiten auf dem Tisch zu erhaschen. "Was will er denn, Kommandant? Er wird Nombre de Dios überfallen wollen. Und Santa Marta oder Puerto Cabello vielleicht auch. Dann steigt ihm seine Mannschaft schon aufs Achterkastell und fordert ihren Anteil. Und dann, werter Don Alonso, verstreuen sie sich wieder."
Der Kommandant widerstand dem Blick des Gouverneurs, welcher fortfuhr: "Piratenherzen schlagen schnell, aber nicht ausdauernd. Sie schwimmen nicht durch Sümpfe, klettern nicht über Berge und hacken sich auch nicht durch den Urwald."
Mit seidener Serviette tupfte er sich den Mund und erhob sich. Mit beiden Armen stützte er sich auf der Tischplatte ab.
"Und falls doch, dann darf ich annehmen, dass dieses Gesindel, sollte es unterwegs nicht von Moskitos gefressen und vom Gelbfieber dahingerafft worden sein, für Eure Truppen keine Gefahr mehr darstellt. Oder irre ich mich?"
Deutlich konnte ich hören, wie Don Alonsos Zähne knirschten, bevor er antwortete: "Spähboote berichteten bereits, dass Piratenbarken im Golf von Darien gesichtet wurden. An manchen Tagen mehr als zehn."
"Jesus, Maria und Josef!" rief der Bischof mit vollem Munde, und alle anwesenden bekreuzigten sich.
Der Gouverneur seufzte. "Don Alonso, was ist eigentlich der Grund für den Besuch zur Essenszeit, abgesehen von den schlechten Nachrichten, die einem jedes Mahl verleiden?"
Don Alonso trat beiseite und präsentierte - mich. Bloßgestellt fühlte ich mich. In Ketten. In stinkenden Lumpen vor den Wandbehängen aus goldgeädertem Brokat im parfümierten Essensraum des Gouverneurs. Welche Schande!
"Alba..." sagte der Gouverneur, und seufzte tief, als er meiner zwischen den Wachen gewärtig wurde. Er ließ sich wie ermattet in den Stuhl plumpsen.
Der Bischof hörte auf zu kauen und stierte offenen Mundes in meine Richtung.
Nun störte mich mein schäbiger Auftritt in solch hochherrschaftlicher Umgebung nicht ganz so arg: mein Gestank und all die schweren Kerkersouvenirs aus Eisen um meine Hand- und Fußgelenke. Auch rieb ich mich kaum an meinem Hunger, der wohl mit einem Haps das ganze Bankett hätte verschlingen können. Was zutiefst schmerzte, war die Geringschätzung meines Namens, der vor wenigen Tagen noch einen anderen Klang und vor allem Gewicht bei Hofe hatte. Ich war schließlich nicht der Sohn von Sonstwem! Meine Vorväter zogen mit dem Kaisersohn aus dem kalten Deutschland durchs Flamen- und Wallonenland - und nach einiger Zeit des Wartens, als Kaiser Maximilian seine Seele dem Herrn befahl, mit seinem Erben Karl bis ins heiße Spanierland. Grafen waren wir, und ich vermisste doch etwas den einen oder anderen Artikel vor dem Herkunftsnamen!
Der Gouverneur schüttelte sich, die Seidenserviette flog in hohem Bogen davon. Ein Bediensteter eilte, sie aufzufangen, bevor sie den Boden berührte. Und der Bischof kaute endlich weiter.
"Was soll das, Kommandant?"
Und dann begannen die beiden um mich zu feilschen, dass mir Hören und Sehen verging: "Henry Morgan ist ein Teufel!" rief Don Alonso inbrünstig - und der Bischof verschluckte sich. "Eine Geißel der Menschheit! Erst wenn er nicht mehr ist, werden wir Ruhe haben. Für einige Zeit zumindest. Wir müssen ihn beseitigen!"
"Und was hat das mit diesem Duellanten und Hazardeur zu tun?" Der Gouverneur deutete auf mich.
Offensichtlich hatte sich der hohe Herr im Ton vergriffen. Aber verständlich war es doch. Schließlich hatte ich seinen Schwiegersohn in spe, einen aufgeblasenen Schnösel sondergleichen, um eine blutende Körperöffnung reicher gemacht, dass dieser bis heute zu Bette liegt und nur noch Suppe verträgt!
Ach, warum ist unsereins nur so leicht erregbar und zu schnell mit Degen oder Schwert bei der Sache, wenn es um Fragen der Ehre geht? Eine Verbeugung zu wenig, ein falscher Blick zuviel, ein voreiliger Schritt und einige wenig vornehme Worte, und schon blitzten die Waffen draußen vor der Kirche des Heiligen Johannes. Auf der Treppe vor den Säulen aus falschem Marmor bissen wir uns mit Stahl. Juchei, wie die Betschwestern davonstoben. Wie Funken vom Höllenamboss, wenn Luzifers Hammer dreinschlägt!
Dabei behauptete der Verlobte der Gouverneurstochter (eine - mit Verlaub gesagt - schielende und hakennasige und viel zu dürre Göre, die als Adler gedacht war und nur ein dummes Huhn wurde), meine Vorfahren wären die Wäscherinnen Karls gewesen, die er zum Spaß zur Badestunde schwängerte.
Da stak ihm auch schon mein Degen zwischen den Rippen. So wie mein Vater vor Unzeiten zu Lüttich aufmüpfige Protestanten und andere Ketzer aufgespießt hatte, so ließ ich diesem Hijo de algo die Luft raus. Mein Urgroßvater war geadelt worden, mich warf man in den Kerker.
Kommandant Don Alonso hegte nun einen Winkelzug, den er dem Gouverneur nur zu gern als Dessert servierte: "Begnadigt ihn!"
Meinerseel, wie hörte ich das gern. Vor allem aus dem Munde des besten Freundes meines Duellgegners, mit dem er über eine Cousine soundsovielten Grades auch noch verwandt war. Indes fiel dem Gouverneur das Silberlöffelchen mit Flamkuchen aus der Hand. "Wie bitte?" fragte er fassungslos.
Don Alonso setzte zu meiner Freude nach: "Er soll sich wieder als freier Mann seines Titels und seiner Ländereien erfreuen. Und obendrein eine Belohnung bekommen."
Herr im Himmel, vergib einem armen Sünder! dachte ich erschrocken, denn immer, wenn das Glück einen Menschen anlacht, kann es schnell geschehen, dass man Fortunas übelriechendes Hinterteil kennen lernt. Denn nun sprach der Kommandant eine Ungeheuerlichkeit aus, und ich wünschte mich meilenweit weg: "Wenn er Kapitän Morgan, diesen rothaarigen Satansbraten aus dem Land der Drachen, beseitigt!"
Das war es also. Wie immer bei einem Handel zwischen zwei Parteien, die mit Vertragsunterzeichnung kein Risiko eingehen, weil sie damit Dritten die Erfüllung des Gegenstands aufbürden, wurde man sich schnell einig. Der Kommandant pries meine Degenkünste, meine Intelligenz und vor allem meine Sprachbegabung, mit der ich mich perfekt unter Piraten unterschiedlichster Herkunft bewegen konnte, ohne mich als Spanier zu verraten.
So entließ man mich aus den Ketten, steckte mich in ein Bad und kleidete mich ordentlich ein. Den Kerker wollte man mir für diese Nacht ersparen, und so gab man mir ein kleines Zimmerchen im Gesindebau des Gouverneurspalastes. Don Alonso ließ es sich allerdings nicht nehmen, zwei Wachen vor der Tür zurückzulassen. Das störte mich wenig, denn nach sieben Tagen in den rattenverseuchten Kerkern Panamas ist ein weiches Bett eine willkommene Abwechslung, vor der man keineswegs flüchten muss. Trotzdem schlief ich in jener Nacht ausgesprochen schlecht und grübelte bis in die Morgenstunden vor mich hin. Assasine sollte ich werden. Ein Mörder, der aus dem Hinterhalt zuschlägt. Keiner mag es mir verdenken, wenn sich ein flaues Gefühl im Magen ausbreitete - und das bestimmt nicht, weil die Kerkerrationen der letzten Tage so sparsam verabreicht worden waren...
*
Don Alonso, einen Barbier und drei Diener im Schlepptau, riss mich am folgenden Morgen höchstpersönlich aus meinen Alpträumen. Kaum hatte ich mich aufgesetzt und meine bleiernen Beine aus dem Bett geschwungen, hielt er mir ein Papier unter die Nase, das der Gouverneur selbst unterzeichnet hatte. Darin stand zu lesen, dass "der Sohn des Conde de Alba aus den Kerkern Panamas entflohen war" und "fortan bar aller Titel und jedweden Besitzes" keinen Fuß mehr auf spanisches Territorium setzen dürfe und ferner "jeder der kann, den in Acht und Bann Geschlagenen würgen oder stechen möge".
"Nur für den Fall, dass Ihr die Gelegenheit beim Schopfe packt und Euch absetzt..." Don Alonso zögerte einen Augenblick und warf noch einmal einen Blick in das Dokument. So kam er wohl zu dem Schluss, dass dieses noch keine Gültigkeit besaß. Widerstrebend fügte er hinzu, was ich in den letzten Tagen so schmerzlich vermisst hatte - eine angemessene Anrede: "... werter Sohn unseres geschätzten Conde de Alba!"
"Keine Sorge, Don Alonso. Niemandem auf der Welt werde ich je die Freude gönnen, zu nehmen, was meiner Familie gehört." Ich setzte mich auf einen bereit gestellten Schemel, und geschwind hängte man mir das Barbierslätzchen um den Hals.
"Dieses Dokument verbleibt natürlich in diesen Mauern. Wenn Ihr zurückkehrt und der Beweis erbracht ist für Henry Morgans Tod, wird es mir ein Vergnügen sein, dieses Papier schleunigst in einen Kamin zu werfen."
Währenddessen stutzte der Barbier den Wildwuchs, der die letzten Tagen im Kerker mein Antlitz zugedeckt hatte. Aus meinem Ziegenbärtchen ā la mode war inzwischen eine wüste Matte geworden, und mir schien es, als schnitt der flinke Barbier Späne statt Haare aus meinem Gesicht. Zu meiner Enttäuschung bekam ich keine Rasur, denn Don Alonso hielt ein neues Aussehen für angebrachter. Widerspruchslos richtete sich der Barbier nach den Wünschen des Kommandanten und ignorierte meinen Einspruch. Dann maß er mich mit einem letzten Blick, band mir das Lätzchen wieder ab und verzog sich mit einer tiefen Verbeugung.
Don Alonso winkte einen der Diener herbei, der mich mit flinken Handgriffen einkleidete, während der zweite auf dem kleinen Tischchen am Fenster alles für ein durchaus angemessenes Morgenmahl vorbereitete. Ich wurde mit einem Samtwams, leider nur von ordinärer Qualität, einfachen Lederstiefeln und einer leider viel zu bequemen, weil viel zu weiten Reithose ausstaffiert. Der dritte Diener hielt einen länglichen Gegenstand in Händen, der in eine Wolldecke eingewickelt war.
"Eine kleine Aufmerksamkeit und ein Zeichen guten Willens," sagte der Kommandant, während der Diener die Decke beiseite schlug und mein Degen, den man mir nach dem Duell entwunden hatte, zum Vorschein kam. Er reichte mir die Waffe, und dankbar nahm ich sie an. Sofort band ich den Gürtel um meine Hüften. Don Alonso entließ die Diener mit einer Handbewegung winkte mich zu sich. Ich nahm ihm gegenüber Platz.
Brot, Früchte und Milch munterten mich etwas auf. Don Alonso schloss sich dem Mahle an und zeigte sich zumindest als zumutbarer Konversationspartner. Immer wieder erinnerte er mich an die Tugend der Bescheidenheit und erteilte mir den Rat, inkognito den Weg über die Festung San Lorenzo nach Portobello zu nehmen, und nicht den östlichen Weg, der etwas kürzer war.
Auf meine Frage, ob der Gouverneur etwa unglückliche Gesichter unter den Anverwandten seines künftigen Schwiegersohnes fürchtete, schwieg sich der Kommandant mit Unschuldsmiene aus.
"Einem reisenden Grafensohn ist auf dem Weg nach Portobello viel Aufmerksamkeit gewiss," sagte er weise und wies mich an, die Stadt durchs Hintertürchen zu verlassen, und zwar als Sohn eines Händlers aus Puerto Cabello.
"Als Bürgerlicher reisen?"
"Wollen wir einmal annehmen, die Piraten, auf die Ihr treffen werdet, kennen Euch nicht. Aber hier in Panama seid Ihr bekannt wie ein bunter Hund - und eigentlich immer noch im Kerker. Und sollte der bedauernswerte Verlobte der Gouverneurstochter an der Verletzung sterben, die Ihr ihm beibrachtet, so kann ich Euch versichern, dass die Schwerter für Euren Tod augenblicklich gewetzt werden. Darunter übrigens auch das meinige."
Immer wieder verblüffte es mich, in welch liebenswürdigem Ton in diesen Kreisen Drohungen ausgesprochen werden.
"Angenommen, ich erfülle meinen Auftrag und liefere Henry Morgans Kopf. Wie weit will der Herr Gouverneur meine Rehabilitation treiben, sollte mein werter Duellpartner das Zeitliche segnen?" fragte ich eher gelangweilt als besorgt nach. Don Alonso zog wieder das Dokument hervor. "Vielleicht ist es mir entgangen, aber der Gouverneur erwähnte nur, dass Euch im Falle eines Misslingens die Härte eines weltlichen Gerichts trifft."
Ich verstand. Der Auftrag war die eine Seite. Meine Schuldigkeit den Angehörigen des Verletzten gegenüber stand auf einem ganz anderen Blatt.
"Im Grunde geht es nur darum, ob Ihr Euch als Sohn des Conde de Alba Eurer hoheitlichen Haut erwehren dürft oder als gewöhnlicher Strauchdieb," beschrieb Don Alonso in gleichbleibender Freundlichkeit die Umstände.
Zumindest war ich dankbar für all die Offenheit, das Mahl und meinen Degen. Und so wurde ich hinunter in den Hof geleitet, wo bereits ein Pferd bereit gehalten wurde. Ein schmuckloser, aber bequemer Reitsattel, ein Umhang und ein Beutelchen mit Proviant und einigen Achtrealenstücken waren alles, was man mir zu den Wünschen für eine erfolgreiche Mission auf den Weg mitgab. Natürlich musste der Kommandant das letzte Wort haben. Er riet mir, meine Güter am Golf von Darien möglichst nicht zu betreten.
*
Einige Stunden war ich schon unterwegs auf dem schmalen Weg, der sich durch die dampfenden Wälder hinter Panama-Stadt wand und zwischen zwei Bergrücken hindurch über Santa Cruz nach San Lorenzo und weiter nach Portobello führte. Mein Reittier, ein etwas zu gemütlich und langmütig geratener Andalusier im braunen Fell, ließ ich am langen Zügel dahinschreiten. Dabei schwankte das schon in die Jahre gekommene Tier anfänglich wie ein Schiff bei mittlerem Seegang. Ich wünschte dem Kommandanten für die Auswahl des Pferds die Pest an den Hals. Schließlich gewöhnte ich mich an die schlingernde Temperamentlosigkeit, die aber nach einiger Zeit immer sicherer im Tritt wurde.
Oft verfiel ich ins Grübeln darüber, wie vage und doch entschlossen ein einsamer Befehl sein konnte: Töte! Natürlich war das Ziel klar vor Augen, das erwünschte Resultat genannt. Aber das Wie und bei welcher Gelegenheit ließ mich schier das Hirn zermartern. Auf irgendeine Weise musste ich auf einen Kaperfahrer gelangen. Allein dies würde sich als äußerst schwierig erweisen. Morgan schipperte mit Sicherheit schon im Golf von Darien umher. Da brachte es wenig, sich nach Port Royal oder Tortuga einzuschiffen, um von dort aus auf einem Kaperfahrer anzuheuern, der sich Morgans Flotte anschloss. Oder vielleicht doch? Es gab zu viele Unwägbarkeiten, die eine Planung unmöglich machten, und ich entschloss mich, solcherlei Gedanken fürs erste hintanzustellen. Piraten fand man für gewöhnlich am Meer. Und das musste ich erst einmal erreichen, denn zwischen meinem Standort und der Stelle, wo sich der Rio Chagres in den Atlantik ergoss, lagen immerhin noch mehr als 40 Meilen.
Die Nachmittagshitze an jenem Tag wurde von einer plötzlichen Schwüle abgelöst. In meinem Rücken kochte der Himmel über dem Stillen Ozean ein übles Süppchen, wie mir schien. Und das war kaum überraschend, denn in dieser Jahreszeit - es war immerhin später April im Jahr des Herrn 1668 - blieb man kaum vom Regen verschont. Auch auf der anderen Seite zur Karibik hin begannen sich in dieser Zeit üblicherweise die ersten Wetter zusammenzuziehen, nur erreichten sie jetzt noch nicht ihre volle Stärke. Erst später, zwischen August und Oktober, bildete das Klima seine schwersten Stürme aus und trieb sie nordwärts. Aber das Wetter wollte mir wohl schon heute eine Kapriole spielen.
Der Horizont im Süden war kaum mehr als Trennlinie zwischen Meer und Himmel zu erkennen, sondern ähnelte einer stahlgrauen Wand. Die Sonne im Westen, die sich gerade anschickte, hinter den Bergen zu verschwinden, war ebenso bereits von einem matten Grauschleier umwoben. Woanders in diesen Breiten kommt die Nacht sehr schnell und mit nur einer kurzen Warnung der Dämmerung herbei. Wenn die Sonne über Panama, jenen schmalen Steg zwischen dem südlichen Amerika und dem nördlichen Teil, hinweggewandert ist, pflegt sie sich wie ein überreifer Apfel niederplumpsen zu lassen, geradewegs ins weite Meer. Nicht so in Panama. Hier verkriecht sich der Glutball nach getanem Tagwerk hinter den Sierras im Westen. Gut eine Stunde, bevor sie sich endgültig in ihr nasses Bett zur Ruhe legt, schenkt die Abendsonne ein seltsames Zwielicht, in dem die Dinge anders scheinen, als sie wirklich sind.
Fluchend wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und trieb den Gaul an. Der Weg stieg leicht an und wurde steiniger, die Bäume traten zurück. Da sah ich eine Gestalt im schwächer werdenden Tageslicht. Ein Reiter mit weitem schwarzen Umhang und buschigem Federhut kam den Pfad hinab. Er hielt sein Pferd, als er meiner Gewahr wurde.
"Gott zum Gruße!" rief er schon von Weitem und kam näher, wobei er den Hut abnahm und im Sattel den Hauch einer Verbeugung andeutete. "Mir scheint, Sie wollen heute noch durch den Wald."
"Ganz recht," sagte ich im vorbeireiten. "Und ich habe es eilig!"
Der Mann, ein junger, schmaler Bursche mit dürrem Flaum unterm Kinn und viel zu heller Haut, zuckte die Schultern. "Dacht' ich mir!" sagte er und atmete schnaufend aus, wobei er nach Süden deutete und die ungesunde Farbe des Himmels musterte. "Hat aber keinen Sinn, weiterzureiten. Sie sollten nicht im Wald bleiben. Es wird bald regnen. Vielleicht schaffen Sie es noch bis Santa Cruz. Aber bevor Sie in San Lorenzo ankommen, sind Sie reif fürs Gelbe Fieber."
Ich wandte mich im Sattel um. Eine Entgegnung fiel mir zu den Worten des Jungspunds nicht ein.
"Es kann mehr Wasser fallen, als der Boden schlucken mag," sagte er, und mir war nicht wohl dabei, von einem Jungen belehrt zu werden. "Da oben," fuhr er fort, "da hört Sie keiner schreien, wenn Ihnen der Morast bis zu den Ohren steht. Und falls doch, stehen die Chancen schlecht, dass man Sie findet."
Wie wahr! Etwas in mir riet, meinen Wunsch, so schnell wie möglich nach San Lorenzo zu gelangen, nicht auf die Spitze zu treiben. "Wenn es doch nicht so eilig ist, so folgen Sie mir," sagte er und deutete auf einen Trampelpfad zu seiner Linken, der mir bei dem schwindenden Licht nicht aufgefallen war. "Mein Vater ist Majordomus auf einem Gut ganz in der Nähe, und ich weiß eine Abkürzung. Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch mit trockenem Wams dort an."
Er trieb sein Pferd zwischen die Bäume. Schon nach wenigen Momenten war er nicht mehr zu sehen. Ich hörte nur, wie sein schnaubender Gaul durchs Unterholz brach. Zwar wollte ich schnurstracks gen Portobello und ursprünglich die Nacht durchreiten, doch lockte ein trockener Schlafplatz. Und sicherlich auch ein Hühnchen oder Hinterschinken sowie ein Viertel Wein oder ein Krüglein Rum. Und wer wollte da schon Nein sagen? "Hü, Pferdchen, lauf!" feuerte ich meine alte Mähre an und folgte. Helden müssen essen. Gedungene Mörder auch.
*
Wir führten, belanglos plaudernd, unsere Pferde durch den dichten Wald. Ohne meinen jungen Anführer hätte ich schon längst die Orientierung verloren. Stumme Baumriesen, um die sich allerlei Schlinggewächs wand, und mannshohes Unterholz, das oft wie eine grüne Wand vor uns aufragte, umschiffte der Junge mit schlafwandlerischer Sicherheit. Da die Sonne schon bei unserer Begegnung tief stand, ängstigte ich mich, dass die Nacht schnell und ohne langatmige Dämmerung über uns herfiel, während wir noch inmitten des Gehölzes wanderten.
Der Junge erriet meine Gedanken: "Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Wir sind gleich da," sagte er aufmunternd. Und tatsächlich: Noch bevor die Dunkelheit ganz die Welt eroberte, teilte sich vor uns der Wald und gab den Blick auf Felder und Weiden frei, die man an den sanften Hängen aus dem Regenwald gehauen hatte. Auf einem schönen Fleckchen Erde hatte man ein Gut erbaut, und schon konnte ich die warmen Lichter hinter den Fenstern erkennen.
Natürlich war das Tagwerk längst getan und niemand mehr auf den Feldern, sodass wir erst am Tor eine Menschenseele erblickten. Ein Halbblut in knielanger Leinenhose und mit entblößter Brust saß dort und tätschelte den Hals eines kräftigen Jagdhunds, der überraschend zahm an den Beinen meines Begleiters schnüffelte. Mir jedoch brachte er nur ein abweisendes Knurren entgegen.
"Juanito!" lachte das Halbblut. "Wen bringst du mit?"
Der junge Juanito lachte herzlich zurück. "Tica, alter Schwerenöter!" Auf mich deutend, sagte er: "Nur ein Wanderer wie ich, mit leerem Magen auf einem langen Weg."
Tica, ein untersetzter, sehniger Bursche, der wohl auch nicht mehr Lenze als der knabenhafte Juanito zählen mochte, erhob sich schnell von seiner Decke und reichte mir die Hand.
"Gott zum Gruß!"
So führte er uns durchs Tor und über den weiträumigen Hof zu einem langgezogenen, niedrigen Holzhaus, das sich hinter dem steinernen Bau des Herrschaftshauses verbarg. Mir schwante schon Fürchterliches: Was wäre, wenn den Herren des Hauses meine mörderischen Eskapaden auf den Stufen der Kirche des Heiligen Johannes bekannt waren? Und diese vielleicht zu allem Überfluss auch noch zur weitläufigen Verwandtschaft meines bedauernswerten Gegners gehörten? Ich mochte gar nicht an die Unannehmlichkeiten denken, die mich dann erwarteten.
Tica zerstreute allerdings meine Befürchtungen: "Der Herr ist in der Stadt. Eilige Geschäfte. Es scheint etwas in der Luft zu liegen," sagte er, und ich war ganz Ohr, als er fortfuhr: "Dein Vater ließ gestern die Rinder zählen, und die fettesten wurden markiert."
Inzwischen war es stockdunkel geworden. Tica nahm uns die Zügel der Pferde aus der Hand und forderte uns auf, ins Gesindehaus einzutreten. Er selbst führte unsere Rosse hinüber zu den Stallungen. Ehrlich gesagt, war ich heilfroh, nicht dem Herrn des Guts die Aufwartung machen zu müssen. Dann schon lieber unter Sklaven und Hausbediensteten.
Juanito öffnete die Tür und bat mich hinein. Kaum, dass ich den Kopf ins Haus steckte, traten mir die merkwürdigsten, jedoch außerordentlichen Appetit anregenden Gerüche in die Nase. Dicht gedrängt saß man unter den rußgeschwärzten Balken des niedrigen Daches um eine lodernde Kochstelle.
Alle saßen am Boden um das Feuer herum, außer einem alten Mann, der mit dem Rücken zur Tür auf einem Korbstuhl thronte. Durch sein dünnes langes Haar leuchteten die Flammen, und so schien es, als umgaben schimmernde Fäden, gesponnen von vielen Spinnen, sein Haupt. Er wandte sich nicht um und erhob sich auch nicht, während alle anderen uns musterten. Herzliche Blicke fielen auf Juanito, neugierig maß man mich vom Scheitel bis zur Sohle.
"Juan!" rief der Alte streng, ohne sich umzuwenden. "Sohn, komm an meine Seite." Sofort rückten die Frauen, Männer und Kinder, Schwarze aus Afrikas weiten Savannen wie einige der hiesigen Eingeborenen, höchstwahrscheinlich Muiscas aus Darien, enger zusammen, um ihm Platz zu machen. Eilig trat Juanito näher und legte seine Hände auf die seines Vaters, die auf den Stuhllehnen ruhten.
"Willkommen, Juan," sagte der Alte. "Doch wen hast du mitgebracht?"
Ich räusperte mich und trat näher. "Rodrigo Campo Delgado," stellte ich mich vor. "Mein Vater ist Kaufmann in Puerto Cabello. Ich bin ein einsamer Reiter, der Ihren Sohn auf dem Weg traf. Ich bitte um Gastfreundschaft für diese Nacht." fügte ich schnell hinzu. Draußen begann der Wind aufzufrischen, und die ersten schweren Tropfen hämmerten dumpf aufs Dach. Die Menschen am Feuer horchten auf, als der Regen begann.
"Setz dich, Roderich Kaufmannssohn vom dürren Feld," sagte der Majordomus unbewegt, und irgendwie gefiel es mir nicht, wie er meinen Namen betonte. Links neben ihm rutschte ein stämmiger schwarzer Sklave beiseite, um mir Platz auf seiner Decke zu machen, und ich nahm dankend an. Den Degengurt löste ich und legte ihn neben mir nieder. So saß ich zwischen afrikanischen Yorubas und amerikanischen Muiscas und musste doch zugeben, dass ich mich in keiner Sekunde unwohl in ihrer Mitte fühlte (auch wenn ich mir sicher war, dass ich nach Beendigung meiner Mission und damit auch nach Ende dieses unseligen Inkognitos mich auf meinen Ländereien am Golf von Darien niemals mehr unter meine Sklaven setzen würde!)
Stimmengewirr erhob sich wieder, als ich mich niedersetzte. Einige begannen zu klatschen, als wäre dies eine außerordentliche Leistung und eines Beifalls wert. Ein Lied ertönte, und fast alle stimmten mit ein, obwohl ich nicht ganz daraus schlau wurde, welcher Sprache sich die Sklaven da bedienten.
Da trat eine Schwarze, im Gegensatz zu den meisten anderen etwas unterernährt Scheinenden recht füllig geraten, an den riesigen Kochtopf. Mit einem großen hölzernen Löffel rührte sie darin. Die Flammen unter dem Kessel, die manchmal gefährlich hoch züngelten, ließen ihr rundes Gesicht schier erglühen. Mein leerer Magen diktierte mir eine gewisse Neugier, und meine Nase befand, dass es zwar herb, doch keineswegs streng duftete. Der Majordomus, Juanitos Vater, fasste meine Hand und wandte mir endlich sein Gesicht zu. Ich blickte nach oben und erschrak. Er hatte keine Augen mehr. Nur zwei finstere leere Höhlen starrten mich an und schienen trotzdem tief in mich hinein zu sehen.
"Rodrigo, ich kann deinen Hunger riechen!" sagte er leise.
Ich fröstelte, obwohl das Feuer schiere Hitze abstrahlte. Der Griff um mein Handgelenk war eisern. Juanitos alter Herr schien mir nun doch etwas unheimlich.
Er fragte höflich, aber mit dunkler Stimme, nach, ob ich es denn zufrieden sei, mit dem Gesinde unter einem Dach zu schlafen, allein, das Herrenhaus stehe leer, da der Besitzer gerade in Panama weile und er nicht wage, Fremde einzulassen.
Mir war es nur Recht und ich winkte mit der freien Hand ab. "Ein warmes Essen und ein trockener Schlafplatz. Mehr kann ich nicht verlangen."
"Gut, Rodrigo. Dann sollst du bekommen, was du nötig hast." Er ließ meine Hand los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück und gab der Köchin ein Zeichen. Er wirkte fast wie ein König, der zufrieden auf seinen Hofstaat hinabblickte. Wahrlich, er musterte seine Leute, und selbst aus seinen leeren Augenhöhlen heraus schien er einem bis in den tiefsten Seelengrund hineinzublicken. Ihm wurde zuerst ein Schälchen der Suppe gereicht, die von der kugelrunden Köchin so fleißig gerührt wurde. Dann bekam ich meinen Schlag.
Meinerseel, ich musste nicht viel Dankbarkeit heucheln, denn solch ein Gaumenschmaus war mir selten gereicht worden. Dick war die Suppe, ein starker Morast voller Wurzeln, Kräuter, Gewürzen und fettem Fleisch. Mir war, als ginge meine Zunge auf Entdeckungsfahrt durch einen wilden, unbekannten Geschmackskontinent. Dunkel und kräftig wie die Köchin!
Und als ich das Schlürfen und Schmatzen um mich herum vernahm, so musste ich doch zugestehen, dass dieses Süppchen nicht hätte schmecken können, löffelte man es so sparsam und gespreizt wie der Gouverneur mit seinem Silberlöffelchen.
Ich schlang die Suppe hinunter, hieß ihre Hitze und Schärfe in meinen Eingeweiden willkommen. Im Kreise der Essenden zeigte man sich erfreut, dass es mir schmeckte, und mir wurde gar ein Nachschlag aufgeschwatzt, den ich nur zu gern annahm. Por Dios! Wenn in der Hölle dieser Kessel brodeln sollte, wie würde ich doch das Fegefeuer herbeibeten! Dieses einfache Mahl war schon schwer und erwärmend genug, doch der Majordomus ließ es nicht dabei bewenden. Er zauberte zwei Becher hervor, in die er zart duftenden alten Rum hineingoss.
"Hier, Rodrigo! Der Schweiß unserer Arbeit. Ein paar Jahre in Fässern eingesperrt und in Dunkelheit versteckt. Nur so kann sich eine wahrhaftige Blume entfalten!"
Zwar hatte ich keine Ahnung, was der brave Mann da redete, doch - gesagt, getrunken! - stieß ich mit ihm an und ließ den guten Tropfen die Kehle hinabrinnen. Alter Rum! Welch eine Sensation nach einem feurigen Mahl wie diesem. Urplötzlich fühlte ich mich hin und her gezogen zwischen beschwingter Leichtigkeit und einer Müdigkeit der Glieder, wie man sie nur nach unmenschlichsten Anstrengungen kennt.
Meine Augenlider flatterten. Das Feuer unter dem Kessel erschien mir wie ein heller Sonnenaufgang. Gesang dröhnte in meinen Ohren. Und rhythmisches Klatschen, das einen sonderbaren Takt mit den aufs Dach niederprasselnden Regentropfen komponierte. Wie ein Stakkato von fernen Trommeln trieb es meinen Herzschlag an und ließ mich schaudern. Gestalten tanzten und wanden sich vor den Flammen. Unter ihnen unsere Köchin, jenes Prachtexemplar der Fruchtbarkeit und der seligmachenden Sattheit. Stieren Blicks verfolgte ich, wie ihr runder Körper wellengleich vor meiner Nase wogte. Und von oben herab blickten die leeren Schlunde im Kopf des Majordomus, dessen schallendes Lachen auch mich dazu trieb, meinen Atem in schrillem Gelächter zu verbrauchen, bis ich kraftlos zusammensank.
Eigentlich schien es mir, als schliefe ich gar nicht. Vielmehr lag ich wach und sah tausend Teufel Ringelrein tanzen. Dios Santo! War ich etwa schon in der Hölle? Vielleicht. Doch warum fühlte ich mich dann so unheilig wohl? Wie schon gesagt, wo das Glück lacht, stinkt Fortuna gar fürchterlich aus dem Maul.
Die wildesten Bilder jagten mir zu und stoben wieder davon. Mit Donnergetöse, so kam es mir vor, drohte ein Monstrum durch die Tür ins Haus zu brechen. Schon konnte ich den schwefligen Gestank riechen. Leicht wie eine Feder sprang ich auf und drängte mich durch die tanzenden Leiber. Da brach die Tür auf, und ein glühender Drache mit feuerroter Fratze sprang in unsere Mitte. Mit Stricken versuchte ich das Untier zu binden, doch die Fesseln lösten sich in Rauch auf. Da fuhr mir der Drache an den Hals, und seine Pranken schnürten mir die Kehle zu. In ärgster Not schrie ich um Hilfe und schloss die Augen. Da hörte ich die Stimme des Drachen dröhnen: "Geh nur deinen Weg bis zum Ende. Was du verdienst, bekommst du!"
*
Als ich die Augen wieder öffnete, beugte sich der Majordomus über mich und sagte: "Wie lange willst du noch schlafen, Rodrigo?" Durch die Fenster stach die Morgensonne in meine Augen, sodass sie gleich wieder schloss. Sofort bemächtigten sich meiner wieder die Traumbilder, die mir im Schlaf keine Ruhe gelassen hatten. Da nahm ich doch lieber mit der grauen Frühe des Tags vorlieb und blickte mich um. Kein Drache war zu sehen. Das Feuer war erloschen und der Kessel leer. Und in meinen Händen und Füßen kribbelte es unangenehm.
Ich wollte mich rühren und erheben, doch wurde ich durch irgendetwas auf meinem Nachtlager festgehalten. Bestimmt war es nicht mein schwerer Schädel, der mich wieder nach unten drückte, sondern die Hanfstricke, die um meine Hände und Füße gebunden waren, wie ich mit Schrecken feststellte.
Mit einem Schlag wich die Schläfrigkeit aus meinem Leib. Wild zerrte ich an den Fesseln, doch musste ich entmutigt erkennen, dass sie keineswegs nachlässig um meine Glieder gelegt worden waren. Meine Bewacher schienen davon nicht so ganz überzeugt, denn sofort sprangen zwei Gestalten herbei, die mich zu Boden drückten.
"Halte lieber ruhig, Rodrigo", sagte der Majordomus. "Die Fesseln werden sich nicht lösen, wenn du zappelst."
"Ich wollte sie nicht lösen, werter Majordomus", entgegnete ich grimmig. "Mir sind nur Hände und Füße eingeschlafen, und ich wollte beides wachrütteln."
Der Blinde schien mir zublinzeln zu wollen, aber wahrscheinlich waren es meine Augen, die mir einen Streich spielten.
"Du hast recht, Rodrigo, du brauchst Bewegung", sagte er wie beiläufig und wandte sich um. Als hätte er ein stummes Signal an seine beiden Schergen gegeben, wurde ich von den beiden Sklaven in die Höhe gerissen und hinter ihm hergezerrt. Das Morgenlicht war wie eine Ohrfeige, als man mich durch die Tür nach draußen stieß. Meine Füße versanken im Morast, den der Nachtregen im Innenhof des Gutshauses hinterlassen hatte. Einen Schritt nach vorn wollte ich tun, doch verhinderten dies meine Fesseln. Der Länge nach landete ich in der aufgeweichten Plantagenkrume.
Benommen versuchte ich mein Gesicht aus dem Dreck zu erheben. Schlamm verschloss meine Augen. Als wär's direkt vor meiner triefenden Nase, vernahm ich die schwerfällig tänzelnden Hufe eines Gauls im schmatzenden Morast. Und eine Stimme, die von oben herab tönte:
"Ich bin glücklich darüber, dass die Einhaltung des Gebots der Gastfreundschaft durch meinen treuen Majordomus auch in meiner Abwesenheit beachtet wird."
Selbst blind, verkatert und gefesselt wurde mir sofort klar, dass ich den heißgerittenen Gaul des Gutsherrn vor mir hatte. Seine Gnaden war also im Morgengrauen aus Panama zurückgekehrt.
"In Eurer Anwesenheit scheinbar nicht, Vuestra Merced." wagte ich prustend und spuckend eine Dreistigkeit. Bei meinem Aufprall war mir Schmutz in den Mund geraten, und mir war gerade danach, etwas von diesem Schmutz zurückzugeben.
"Ich hätte gewarnt sein sollen!" entgegnete der Herr auf seinem hohen Ross mit unpassend nachsichtiger Stimme. "Jemand, der seinen Degen so schnell schwingt, hat auch ein treffsicheres Mundwerk."
Die Ellenbogen in die nasse Erde gestemmt, richtete ich meinen Blick nach oben und sah den Herrn des Gutes, dessen prächtige Staffage in der Sonne glänzte wie eine Heiligenerscheinung. Er hielt etwas längliches in der Hand, und nach einigen Momenten, in denen ich mich blinzelnd an das Morgenlicht und das Wasser in meinen Augen gewöhnte, erkannte ich meinen Degen.
"Ein schönes Stück Toledostahl", sagte ich verdrießlich.
"Durchaus, werter Sohn des Grafen von Alba. Ich kenne den Degen. Schließlich hatte ich ihn vor etwas mehr als zwanzig Jahren gesehen, als ich mit Eurem Vater im Kaiserlichen Heer Lüttich belagerte."
Mir gefiel der Plauderton des Herrn ganz und gar nicht. Seine Unhöflichkeit, sich nicht vorzustellen, ließ mich vor Unruhe beben.
"Ich sah diese Klinge in manchem Ketzerwanst verschwinden und blutrot wieder hervortreten, um bereits die nächste Seele in die Hölle fahren zu lassen", fuhr der Gutsherr fort.
Mein Nacken wurde derweil steif, und so versuchte ich mich aufzurappeln. Es gelang mir nur langsam, und ich schwankte wie ein Baum im Wind. Währenddessen betrachtete der Herr der Plantage meinen Degen und prüfte mit dem Daumen die Spitze. Ich war erkannt, mein Gegenüber wusste, mit wem er es zu tun hatte. Nur war mir nicht ganz klar, was ich von dem Gutsherrn zu erwarten hatte, jedoch befürchtete ich das Schlimmste. Allerdings war ich der Sorge ledig, mir eine gefällige Geschichte zurechtzulegen, und ich war froh, mir nicht den Kopf darüber zerbrechen zu müssen.
"Es ist doch nicht die Erinnerung an eine abenteuerliche Jugend, die Euch den Stahl so versonnen anstarren lässt", sagte ich ungeniert. Für die meisten Umstehenden, das Gesinde und den Majordomus, schienen meine Worte allzu herausfordernd. Mir war, als hielten alle den Atem an. Mein Blick fiel auf Juanito, der das Schauspiel mit offenem Mund verfolgte und blasser als tags zuvor wirkte. Allein den Gutsherr schien keine meiner Entgegnungen aus der Ruhe zu bringen.
"In der Tat, so ist es!" Er hatte wohl einen seltsamen Humor, denn er lächelte mich freimütig an. "Ich wollte mich nur vergewissern, ob Ihr Euer Erbe ebenso pflegt, wie es Euer Vater tat. Und es interessierte mich, ob noch das Blut meines Neffen an Eurer Klinge klebt."
Der Aufschrei, der seinen Worten folgte, fuhr mir tiefer ins Gebein als wenige Momente zuvor die Erkenntnis, dass ich enttarnt war. Ich für meinen Teil fragte mich erschrocken, ob denn hier jeder mit jedem verwandt war. Das Gesinde um mich herum erhob seine Stimmen, brauste auf und erging sich in Flüchen. Der Neffe des Hausherrn musste ein geachteter und beliebter Mann gewesen sein.
"Ihr müsst wissen, dass man im Haus des Gouverneurs um den verlorenen Schwiegersohn trauert. Der arme Diego verschied kurz vor Mitternacht, und die trauernde Verlobte, die bedauernswerte Doņa Luisa Inmaculata will sich ins Kloster geben."
Was hat der vermaledeite Kommandant Don Alonso gesagt? Dass es trotz der Begnadigung immer noch darum ging, ob ich mich als Sohn des Conde de Alba gegen die Rache der Familie wehren durfte oder als gewöhnlicher Strauchdieb? Mir war nun klar, dass die Begnadigung des Gouverneurs (von der hier niemand wissen konnte) mich nicht nur aus dem Kerker befreit hatte, sondern mir einen viel schlechteren Dienst erwies: Der Verwandtschaft meines Duellgegners galt ich als flüchtig und war somit mehr als frei - nämlich vogelfrei. Langsam ging mir ein Licht auf, und meine düstersten Vorahnungen bestätigten sich, als der Gutsherr fortfuhr:
"Werter Sohn meines lieben Freundes Alba. Eine Depesche ist bereits zu Eurem Bruder nach Toledo unterwegs. Ebenso ist eine Abteilung des Schatzmeisters zu Panama zu Euren Ländereien in Darien aufgebrochen. Euer Gut wird konfisziert und vom Gouverneur verwaltet, bis das leidige Thema geregelt ist."
Das leidige Thema - das hieß, dass ich aus dem Spiel war. Es ging nur noch um die Aufteilung meiner weltlichen Güter. Mochte den Gouverneur, seinen fetten Bischof und seinen geharnischten Schoßhund Don Alonso doch der Teufel holen! Wie blauäugig ich doch war: Den Prozess hätte ich suchen sollen, und nicht die schnelle Befreiung aus dem stinkenden Kerker, der mich zwar gefangen gehalten haben mochte, aber doch auch Schutz vor den Blutsverwandten meines Duellgegners geboten hatte. Vor Gericht ein nicht unbescheidenes Sümmchen auszuhandeln war in solchen Fällen durchaus üblich. Ebenso eine Spende an das Kloster, das die arme Luisa Inmaculata aufnehmen würde, eine gut ausstaffierte Aussteuer für ihren Bund mit dem Herrn, wenn man es so ausdrücken wollte. Und vielleicht noch ein wenig Geschmeide für die Kirche des Heiligen Johannes, um die Messe für den Verstorbenen zu schmücken.
Die Wahrheit zu erzählen erschien mir selbst lächerlich. Sie hätte gewirkt, als versuchte ich mit einer abenteuerlichen Geschichte den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ich schalt mich einen Narren, dass ich mich mit Annahme des Auftrags der Sippschaft meines Duellgegners ausgeliefert hatte. Und deren Gerichtsbarkeit kannte nur ein Urteil: Tod.
Nicht die Schwüle des Tages war es, die mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Angstschweiß war es, der mir eisig über die Haut rann und trotzdem wie Feuer in meinen Augen brannte, dass mir die Tränen kamen.
Da hob der Gutsherr die Hand. Unzählige Hände packten mich und warfen mich zu Boden. Das letzte, was ich hörte, war der dumpfe Aufprall eines harten Gegenstandes auf meinen Hinterkopf.
... to be continued!
Wie wird es mit unserem Degenschwinger weitergehen? In Teil 2 lesen Sie mehr...

