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Der Untergang der Oxford

von Stefan Wölfel

Teil 2

Aus dem Brummen in meinem Schädel wurde ein Summen. Dem hinzu gesellte sich ein Ziehen und Stechen in meinem Nacken, das sich aufwärts über meinen Kopf und den Rücken hinab wie eine Welle einen heißen Schmerzes ausbreitete. In den Beinen kribbelte es, und mir war, als lastete ein tonnenschweres Gewicht auf ihnen. Die Hitze ließ mir den Schweiß in Strömen den Körper hinabrinnen, und ich fühlte mich wie in eine zweite Haut gepackt.

Ich riss die Augen auf und erschrak, als ich mich auf dem Boden sitzend wiederfand, die inzwischen gefühllos gewordenen Beine ausgestreckt. Wer weiß, wie lange ich schon in dieser Haltung saß und das Blut in meinen Venen stockte. Mit entblößtem Oberkörper lehnte ich aufrecht an einem Baum, dessen raue Borke in meinen nackten Rücken stach. Fesseln zwangen meine Hände hinter den Stamm. Um mich herum schien die Luft zu glühen, Schwärme von Moskitos tanzten auf und ab.

"Erinnert Ihr Euch an die letzten Worte, die Diego, mein bedauernswerter Neffe, zu Euch sprach? Als er sich mit zitternden Händen die Wunde hielt, die Ihr ihm in die Brust stießt?"

Ich erkannte Don Fernans Stimme. Ohne aufzublicken rüttelte ich an meinen Fesseln. Die Worte klangen zwar bedächtig und es schwang ein tiefer Ton der Trauer in ihnen, doch waren sie eine unverhohlene Herausforderung. Mir war nicht nach Konversation zu Mute, besonders nicht nach einem Disput über die Verwerflichkeit von Duellen. Besonders dann, wenn sie einen für Don Fernan unvorteilhaften Ausgang hatten. Was wollte er hören? Ein Schuldeingeständnis oder die Bitte um Vergebung? Schließlich ließ ich mich doch zu einer Entgegnung hinreißen: "Es war ein Duell, kein Meuchelmord!"

Ein Raunen ging durch die Gruppe von Männern, die ich nun zum ersten Mal wahrnahm. Im flirrenden Sonnenlicht, das durch eine Lücke im Blätterdach schien und mich blendete, konnte ich nur meine nächste Umgebung erkennen. Der Rand der Lichtung war in Zwielicht getaucht. Nur schemenhaft wie eine Mauer aus Schatten erkannte ich die Männer, die hinter dem Gutsherrn im Halbkreis um uns versammelt waren. Darunter war der Majordomus, dessen Antlitz mir nun wie ein Totenschädel mit schwarzen, leeren Augenhöhlen erschien. Er hielt den Jungen Juanito fest an der Hand.

"Ein Ehrenhandel, in der Tat. Aber Ihr müsst zugeben, dass ein solcher nirgends gerne gesehen wird. Weder in Spanien noch hier in den Kolonien." Der Gutsherr, der in seiner Jugend eine imposante Gestalt mit breiten Schultern gewesen sein musste und nun im reifen Alter erst recht Ehrfurcht einflößend wirkte, beugte sich zu mir herab. Mit wachen braunen Augen blickte er mich herausfordernd aus seinem Wetter gegerbten, kantigen Gesicht an. In seinen Antlitz stand ein Ausdruck zu lesen, der mir Schauer über den Rücken jagte.

"Aber ich wollte von Euch wissen, was mein bedauernswerter Neffe zu Euch sprach, als er tödlich getroffen vor Euch auf den Stufen des Heiligen Johannes lag." Er nahm eine abwartende Haltung ein.

Warum kam diese einfache Antwort nur so schwer über meine Lippen? Deutlich sah ich es wieder vor mir: wie Diego vor mir strauchelte und an die Kalkwand prallte, als er die Wucht meines Schlages unterschätzte. Sofort setzte ich nach, und seine Parade kam zu spät. Er war vielleicht ein gelehriger Fechter gewesen, aber niemals ein erfahrener Streiter. Er kämpfte nach Vorschrift, ich mit Haken und Ösen, mit Tritten und Schlägen. Das Publikum, das sich neugierig in sicherer Entfernung um uns versammelt hatte, fieberte dem Ergebnis der Auseinandersetzung entgegen. Ein Aufschrei ging durch die Menge, als sich mein Degen in seine Brust bohrte. Überrascht sah Diego mit hervortretenden Augen auf den Stahl meiner Waffe hinab, während er einen gequälten Atemzug lang an der Wand stand. Dann gaben seine Beine nach und er sank langsam zu Boden. Ich beugte mich über ihn, so wie Diegos Onkel nun über mir beugte, und Diego sagte: "Mögest Du in der Hölle schmoren!"

"Ah, werter Alba", sagte Don Fernan und schnalzte mit der Zunge. "Welch leidenschaftliche Verwünschung. Einem unterlegenen Gegner gesteht man sie gerne zu. Vor allem einem Gegner, der von vornherein chancenlos war."

Don Fernan war ein Meister des Mienenspiels, wie mir schien, denn trotz der Bitterkeit seiner Worte blieb sein Gesicht eine Maske verbindlicher Freundlichkeit. Er schien Katz-und-Maus-Spiele zu lieben, und ich war nun mutig genug für eine Verteidigung: "Diego war es, der mich beleidigte und der mir seinen Handschuh vor die Füße warf."

Der Gutsherr seufzte. "Mein armer Diego war fast zehn Jahre jünger als Ihr. Ein Heißsporn, der noch gar nicht wusste, was Wohlverhalten ist und der erst noch die Wirkung seiner Worte und Taten erforschen musste. Aber Ihr mit all Eurer Erfahrung, Ihr, der Ihr so weltmännisch tut, Ihr seid ein Dummkopf, wenn Ihr Euch darauf einlasst, was ein Grünschnabel Euch erzählt."

Nun stahl sich doch eine Zornesfalte auf Don Fernans Stirn. "Alba, Ihr hättet nur den Handschuh aufheben brauchen und eine Verabredung für eine spätere Stunde treffen müssen. Diegos Mütchen hätte sich derweil abgekühlt. Und falls nicht, hätte es genügt, der Wache einen Wink zu geben. Glaubt mir, wenn Ihr Euch wie ein wahrer Ehrenmann benommen hättet, wäre Diego mit einer Entschuldigung zu Euch gekrochen, noch bevor der Morgen gegraut hätte. Statt dessen habt Ihr ihn niedergestochen auf den Treppenstufen eines Gotteshauses!"

Die Worte spülten all die Gefühle wieder hoch, die ich vor dem Streit empfunden hatte. Mühsam unterdrückte ich eine Entgegnung und presste die Lippen aufeinander. Was konnte ich sagen? Für eine Entschuldigung war es zu spät. Ebenso dachte die Meute, die hinter ihrem Herrn stand und mir Verwünschungen entgegenrief.

"Wie dem auch sei, Alba", sagte Don Fernan, dessen Miene sich wieder entspannte. Mit Bedacht erhob er sich und ließ die Menge mit einer kurzen Bewegung verstummen. Er ging zu seinem Gaul und löste meinen Degen vom Sattelhorn. "Ihr werdet mir sicherlich zustimmen, dass Ihr Euch einem Gericht unterziehen müsst. Leider ist der Mensch voller Fehler, denn ihm fehlt die göttliche Weisheit."

In die ruhig ausgesprochenen und wohlerwogenen Worte mischte sich ein Unterton, der mir gar nicht gefiel. Mit einem scharrenden Geräusch glitt meine Waffe aus der Scheide. Don Fernan richtete die zitternde Degenspitze auf mich und trat einen Schritt auf mich zu. Ich hielt den Atem an. Immer näher kam die drohend erhobene Waffe. Die Spitze deutete geradewegs auf mein Herz.

Mein Puls raste und rauschte in meinem Kopf, und fast war es mir unmöglich, Don Fernans leise drohende Stimme zu verstehen: "Deshalb werden wir Euch an eine Gerichtsbarkeit verweisen, deren Urteil über jeden Zweifel erhaben ist. Und möge Euch der Herrgott gnädig sein!"

Nun war die Klinge nur noch einen Hauch von meiner Brust entfernt. Und schon strich die Spitze über meine Haut und riss eine feine Wunde, etwa an jener Stelle nahe des Herzens, an der ich Diego verletzt hatte. Dünne Fäden Blut quollen hervor, verliefen sich über meinem Bauch und rannen in meinen Schoß. Wie gebannt haftete mein Blick an meiner Waffe, und ich sah, wie Don Fernan zu einem Stoß ausholte. Unwillkürlich schloss ich die Augen und erwartete die Berührung des Stahls. Doch der Todesstoß blieb aus. Statt dessen hörte ich ein dumpfes Geräusch. Als ich wieder die Augen öffnete, stak mein Degen vor mir im feuchten Waldboden.

Befreit atmete ich auf und sah, wie sich der Gutsherr von mir abwandte und sich aufs Pferd schwang. Dann sagte er: "An höherer Stelle wird über Eure Taten gerichtet werden. Aber vorher möchten wir Euch noch etwas Zeit gönnen, um über Eure Verfehlungen nachzudenken - und einen kleinen Vorgeschmack auf die Höllenqualen bescheren..."

Er gab ein Zeichen, und der Junge, den Juanito am Abend zuvor mit Tica angesprochen hatte, löste sich aus der Menge und kam mit einem Holzeimer heran. Ich sah in Ticas Augen brennenden Hass, als er das Gefäß anhob. Zäh rann die Flüssigkeit an meiner nackten Brust hinab. Honig war es, jedoch nicht von der Farbe leuchtenden Bernsteins. Rostbraun schimmerte das Geschmier statt dessen auf meiner Haut, und augenblicklich wusste ich um die Teufelei, die Don Fernan ausgeheckt hatte.

"Nicht über den Kopf, Tica. Er soll zusehen können, wie es mit ihm zu Ende geht", hörte ich die eisige Stimme Don Fernans. Der Junge hielt inne und nickte hastig. Lächelnd schüttete er mehr des süß und herb zugleich duftenden Gemischs über mir aus. Zunächst über meinen Bauch, dann über meine Beine und schließlich auch über meine Arme.

Wolken von Mücken rasten herbei, und kaum, dass der erste Tropfen meine Haut benetzte, wurde aus dem leisen Sirren ein bedrohliches Summen. Mir schien es, als hätte jener Moment, in dem Ticas Hände den Deckel vom Eimer genommen hatte, in allem Getier der Umgebung eine Begehrlichkeit geweckt, einen Hunger und Durst, der sie in Heerscharen zu mir hinlockte.

Tica bewegte sich um mich herum und hinterließ am Boden eine klebrige Spur. Als der Ring um mich geschlossen war, zog er mit dem Gemisch eine Fährte an den Rand der Lichtung. Zunächst konnte ich nicht genau erkennen, wohin der Bursche ging, doch als er das letzte Bisschen aus dem Eimer über einen fast kniehohen Ameisenhaufen tropfen ließ, überlief mich ein Schauer.

"Übrigens", tönte Don Fernans Stimme beinahe vergnügt. "Ich habe diese Methode in Santa Marta kennen und schätzen gelernt, als einige Piraten aufgebracht wurden. Diese Mordbuben wurden ebenfalls in Blut und Honig getaucht und im Wald liegengelassen. Am nächsten Tag fand man nur noch die blanken Skelette."

Gelächter erfüllte die Lichtung, als ich irr vor Ekel an meinen Fesseln zerrte. Im Halbkreis vor mir gaffte mich Don Fernans Gesinde mit großen Augen an. Einigen stand durchaus Schrecken ins Gesicht geschrieben, aber alle starrten mit gleicher Neugier auf meine schwachen Versuche, mich aus dieser Lage zu befreien.

Oh, dieser Teufel! Ich verstand nun, welches grausames Schicksal er mir zugedacht hatte. Ich sollte hier den Fliegen zum Fraß vorgeworfen werden, ein Festmahl für all die kleinen und großen Ungeheuer des Waldes abgeben und hilflos an einen Baum gefesselt mit ansehen, wie man mich in Stücke schnitt.

Ich zerrte immer heftiger an den Fesseln, während der Schmerz in meinen Beinen anschwoll. Ich konnte nicht abschätzen, wie lange ich bereits auf dieser Lichtung saß. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen war es später Vormittag. Wie lange mir noch Zeit bliebe?

Wieder erhob Don Fernan die Stimme, und mir war fast, als konnte er Gedanken lesen: "Bedenkt doch, wie schmerzhaft nur eine einzige Ameise zubeißen kann. Wie mag es sich anfühlen, wenn Tausende über Euch herfallen? Was denkt Ihr, wie schnell werden sie Euch aufgefressen haben?"

Ich sparte mir eine Antwort auf. Mein Blick fiel auf Juanito, der sich von der Hand seines Vaters löste und auf mich zutrat. Das runde Gesicht des Jungen, das ich gestern als Ebenmaß der Gutmütigkeit und Unbekümmertheit kennen lernte, war nun verzerrt. Ein Feuer glomm im Abgrund seiner dunklen Augen, als mir ins Gesicht spie.

"Mögest Du in der Hölle schmoren!" presste er hervor, dann eilte er wieder zurück zu seinem Vater.

Don Fernan indes blickte einige Momente lang ungerührt zu, dann wendete er sein Pferd. Er schien nicht in der Laune, mein Martyrium bis zum Ende betrachten zu wollen. "Leider habe ich nicht die Zeit, den ganzen Tag zuzusehen", sagte er. "Auf, Leute, wir haben noch viel zu tun. Und wir wollen uns doch nicht vor der Mittagszeit den Appetit verderben."

Das Publikum wandte sich nur widerwillig von dem Schauspiel ab. Bis auf zwei Mulatten, die Don Fernan offenbar als Wache zurückließ, verschwand die Prozession aus Herr und Diener im Unterholz, und ich hörte nur noch die raschelnden Schritte und Don Fernans Worte: "Denkt an Diego, den Ihr vor der Kirche des Heiligen Johannes niedergestochen habt und der sieben Tage litt! Denkt an ihn!"

Dann verloren sich die Geräusche, und ich blieb allein mit zwei Sklaven und einem Millionenheer hungriger Insekten zurück.

*

Durch die Baumwipfel hindurch stachen Sonnenstrahlen wie glühendheiße Nadeln auf mich ein. Die Luft schien eine feuchtheiße Wand zu sein. Mir war, als raste ein Feuersturm über meine Haut. Überall brannte es. Unter meiner Haut schien mein Blut zu kochen, und ich litt fürchterlichen Durst. Ich wurde gestochen, gebissen und geschnitten. Auf sechs Beinen, acht Beinen, unzähligen Beinen krabbelten und schlängelten Heerscharen Höllengetiers herbei, angelockt vom süßen Geruch des Todes, der mich umgab. Über meinen Beinen war eine lebende Decke aus Tausenden schimmernder Leiber ausgebreitet. Allerlei Getier, Ameisen, Moskitos, Fliegen und manch andere, die ich nie im Leben gesehen hatte.

Meine beiden Bewacher schauten eine Weile grinsend zu, wie ich mich schüttelte und an dem Baum rüttelte. Ich hatte versucht aufzustehen, doch waren meine Beine durch das stundenlange Sitzen taub. Ich konnte nicht einen Knochen bewegen. Nach einiger Zeit jedoch verloren sie das Interesse und setzten sich auf den Stamm eines vor langem gefallenen Baumriesen.

Ich konnte erkennen, dass ihnen schnell das Grinsen verging. Auch sie begannen zu leiden. Das Getier, das ich anlockte, plagte bald auch sie, und hastig schlugen sie nach aufdringlichen Mücken. Schließlich sprangen sie auf, als Horden von Ameisen an ihren Beinen emporkrabbelten. Ich musste laut auflachen. Mein Gelächter irritierte sie, und sie hielten verwundert inne. Dann schauten sie sich an und wichen zurück. Schließlich kletterten über den Stamm, um mir aus der Ferne zuzuschauen.

All dies nahm ich durch die Wand aus Mücken und Fliegen wahr, die um mich herum schwärmten. Das Lachen eines Irren schüttelte mich. In meinen geschwollenen Beinen wurden die Schmerzen inzwischen schier unerträglich, und aus meinem Lachen wurde ein Stöhnen. Ich konnte meine Beine fast nicht mehr erkennen unter den Haufen krabbelnder Monstren. Abertausend heiße Zange kniffen in mein Fleisch wie bei einer hundertfachen hochnotpeinlichen Befragung der Inquisition. Für einen Augenblick hatte ich gehofft, der Schmerz würde mich in die Ohnmacht treiben, doch wurde mir dieser Gefallen verwehrt.

Doch plötzlich spürte ich eine ganz andere Gefahr. Aus dem betäubten Dahintreiben auf den Wellen des Schmerzes erwachte ich schlagartig und blickte alarmiert in die Runde. Mein Kopf flog herum, meine Augen suchten das Zwielicht zwischen den Bäumen ab. Irgendetwas hatte sich verändert.

Don Fernans Diener bemerkten es ebenfalls. Die zwei Mulatten wechselten Blicke. Eben noch sogen sie meine Qualen und Ängste mit neugierigen Blicken auf, schon spitzten sie gewarnt die Ohren. Im Unterholz strich ein Wesen umher. Es war nicht zu hören und es war nicht zu sehen, aber seine Aura war zu lesen in den Zeichen Waldes: Oben in den Ästen schrieen die Affen, hysterisch zwitschernd stieg ein Vogelschwarm mit knatterndem Flügelschlag auf und brach durch die Baumkronen. Und dann: Stille.

Die beiden hoben ihre Macheten. In meiner Nähe war es auch gefährlich für sie, denn mein geschundener Leib mochte nicht nur die kleinen Aasfresser anlocken, sondern auch die großen. Und ich stank meilenweit gegen den Wind nach einem hilflosen Festmahl.

Der Jäger im Wald schlich umher, kreiste um uns. Ich konnte es deutlich fühlen, und auch die beiden Mulatten vor mir spürten es wohl mit jeder Faser ihres Körpers, dass hungrige Augen gierig auf den von ihnen ausgelegten Köder starrten - und das Verderben wohl auch sie anspringen könnte.

Der Jäger im Wald heißt Jaguar, ein stets hungriger Schatten mit scharfen Krallen und Zähnen. Stumm pirscht er sich an das Opfer heran, beobachtet es aus glühenden Augen hinter Büschen, bevor er schnell und tödlich wie ein Blitz zuschlägt. Weniger als einen Wimpernschlag hat das Opfer Zeit, mit seinem Leben abzuschließen, bevor sich Reißzähne in Kehle oder Nacken bohren und mächtige Kiefer jedes Leben herausquetschen.

Offenbar hatten auch meine zwei Bewacher dieses blutige Bild vor Augen, denn sie wurden unruhiger, je stiller die Umgebung wurde. Es schien, als würde das Leben am Boden und hoch oben in den Bäumen den Atem anhalten, und auch die beiden Männer mit den scharfen, zitternden Klingen in den Fäusten verharrten regungslos. In ihren Gesichtern sah ich rollende Pupillen in weit aufgerissenen Augen. Der eine, sehnig mit langen Armen und Beinen, trat auf der Stelle, hob und senkte seine Füße, als wäre er in Gedanken schon dabei, sich von diesem Ort zu entfernen. Der andere, weitaus kräftiger gebaut und mit breiten Schultern, blieb starr stehen. Nur sein runder Kopf wandte sich hierhin und dorthin, suchte die Schatten im Unterholz nach der lauernden Gefahr ab. Seine wulstigen Lippen bebten, die Nasenflügel blähten sich witternd.

Kein Knurren. Kein Rascheln. Nur die erschrockene Stille des Waldes und das penetrante Summen über meinem Kopf war zu hören. Schon sah ich durch meine zitternden Lider, wie einer meiner Bewacher einen Schritt zurückwich. Der andere wollte ebenfalls nicht alleine an diesem Ort bleiben und schlich rückwärts von mir weg.

Plötzlich knackte ein Ast. Blätter raschelten, und eine Bewegung im Unterholz ließ nicht nur die Zweige erzittern, sondern auch meine beiden Bewacher. Nun war es um den letzten Rest Mut in ihnen geschehen. Sie hetzten davon, so schnell sie ihre Füße trugen. An der Stelle, wo sie ins Gebüsch gesprungen waren, sah ich nur noch wogende Blätter, hinter denen sich die Geräusche der Schritte bald verloren.

Ich schüttelte wild den Kopf, um die Plagegeister auf meinem Gesicht zu vertreiben und blinzelte in die Runde, während mein Herz bis zum Halse schlug. Auf der Lichtung selbst herrschte dumpfe Ruhe. Nirgends schien sich etwas zu regen. Nur auf meinem Leib knisterte, zirpte, sirrte und summte es. Es knackten und schabten, rasselten und krachten die vielfarbigen, schimmernden Rüstungen der Ritterarmeen, die auf meinem Körper wimmelten. In ihrer kleinen Welt knabberten sie an einem Berg aus Fleisch und trugen ihre Kämpfe untereinander aus, um die Gigantenmahlzeit zu beherrschen. Die Schmerzen gingen von tausend kleinen Brandherden aus, winzig, aber zahlreich. Einige vorwitzige Ameisen musste ich durch kräftiges Blinzeln von meinen Lidern schütteln.

Da krabbelte mir etwas über den Mund. Erschrocken presste ich die Lippen aufeinander und schielte nach unten. Unter meiner Nase wand sich ein länglicher schwarzer Schatten. Hunderte kleiner Beinchen, wogend wie die Wellen des Meeres, strichen über meinen Bart, und mir war fast, als stünde mir jedes einzelne Haar auf meinem Gesicht zu Berge, spreizte sich gegen die unheimliche Berührung, stellte sich den nadeldünnen Beinen des Hundertfüßlers tapfer zum Kampf.

Ich hielt die Luft an, bis mir schwindelig wurde, doch die Monstrosität, die fast eine halbe Elle lang war, bewegte sich nicht mehr fort. Es schien, als wollte sie an meinem Rachen Wache halten, bis sich das Tor wieder öffnete, um hineinzukriechen...

Atmen wollte ich, doch wagte ich nicht, die Lippen zu öffnen. In meinem Schädel pulsierte das Blut, die Lungen wollten meine Brust schier sprengen. Alles in mir schrie nach Luft, und so stieß ich verzweifelt den verbrauchten Atem hervor. Das wurmähnliche Getier wurde wie von einem Sturmwind gepackt und davongeweht. Doch nur kurz währte der Flug, und es landete auf meinem rechten Bein, wo es vom Gewimmel der schimmernden Leiber in Empfang genommen wurde und durch Legionen blutberauschter kleinerer Insekten watete und sogleich wieder den Aufstieg über meinen Schoß und meinen Bauch begann.

Die schwülheiße Luft schien mir in meinen Lungen erfrischend wie ein kühler Seewind, als ich sie pfeifend mich einsog. Dabei verirrte sich jedoch einiges Getier in meinen Rachen, und hustend spie ich aus. Ich versuchte mich aufs Neue zu schütteln, aber nur ein klägliches Zittern durchlief meinen Körper. Es schien die kleinen Metzger, die mein Fleisch in sandkorngroße Stücken schnitten, nur noch mehr anzustacheln. Aus allen Richtungen sah ich Karawanen von Kleingetier herbeimarschieren. Schon wünschte ich mir, dass der Schleier der Ohnmacht über mich fallen würde. Oder der Jaguar, der hier umherschlich, endlich beherzt aus seiner Deckung springen und mich mit einem alles endenden Biss erlösen würde.

Wieder schrie ich auf, doch nicht nur vor Schmerz. Überrascht spürte ich plötzlich etwas feuchtes, warmes an meinen gefesselten Händen. Es raschelte hinter dem Baum, und so sehr ich auch den Kopf drehte, konnte ich keinen Blick von dem Tier erhaschen, das sich an meinen Fingern zu schaffen machte. Ich hörte schnüffelnd Laute. Dann strich eine raue Zunge über meinen Handrücken. Zähne, die in meiner Vorstellung messerscharf waren, berührten meine hilflosen Finger...


... to be continued!

Wie wird es mit unserem Degenschwinger weitergehen? Bald geht's weiter...

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