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Kommissar Schimmers Tagebuch - 3631. Eintrag

Der Whiskey-Mörder

von Stefan Wölfel

Kein Blut. Eine saubere Wohnung. Und eine Frau auf dem Sofa sowie ein entgeisterter Kerl in einer Ecke. Dazu eine Menge Polizisten. Das Gewimmel um mich herum wurde mit jeder Minute dichter. Immer mehr Beamte strömten herbei, und stierten hinüber zu der auf dem Polster Liegenden. Jung, weiblich, nackt, tot.

"Jeder, der nichts mit den Ermittlungen zu tun hat, raus!" schnarrte Waldmann, mein oberster Spürhund. "Ich will hier nur die Spurensicherung, den Notarzt und den ermittelnden Beamten sehen!"

Sie lag da wie ein schlafendes Aktmodell, und in der Szene fehlte nur noch ein Maler, seine Staffelei, ein Pinsel, der auf Leinwand schmierte. Aber der einzige, der noch Bilder von ihr machte, war der Polizeifotograf. Auch mir fiel es schwer, den Blick von ihr zu wenden.

In diesem Moment kamen zwei weiter Uniformierte hereingestürmt. Mit ausgebreiteten Armen fing ich sie ab. "Jungs, hier wird schon ermittelt. Macht eure Streife zu Ende und fahrt nach Hause."

Die beiden versuchten noch schnell einen Blick auf die Frau zu erhaschen, dann ließen sie sich von mir hinausschieben. Und auch die anderen scheuchte ich davon. Unten in der Toreinfahrt standen acht Autos, davon sechs Polizeifahrzeuge. Das waren mindestens fünf zuviel des Guten. Es schien sich über Funk herumgesprochen zu haben, dass es hier eine schöne Leiche zu sehen gab und ich fragte mich, was der Streifendienst mit dem menschlichen Gemüt anstellte.

Seufzend sah ich mich weiter um. Ein Schrank mit den köstlichsten Tropfen erregte meine Aufmerksamkeit. Unter den Weinbränden und Whiskeys war keiner, der vor seinem achtzehnten Jahr aus dem Fass entlassen worden war. Mit Menschen war es wie mit dem Schnaps. Nur mit dem Alter erreichten sie einen vagen Sinn für vernünftigen Geschmack. Manche nicht mal das.

Ich drehte mich noch einmal nach der Frau um. Nein, nicht wie ein Aktmodell sah sie aus mit ihrem roten Haar und ihrer blassen, fast blutleer wirkenden schlanken Gestalt mit den kleinen zarten Brüsten und der schmalen Hüfte. Wie eine Schaufensterpuppe sah sie aus, eine Dekoration passend zu dem Möbelstück, auf dem sie lag. Das seidig schimmernde nachtschwarze Leder ließ sie wie eine Lichtgestalt erscheinen, und selbst an ihrer Nacktheit war nichts obszönes oder ordinäres. Ein strahlender Engel, der nun der Ewigkeit entgegenschlief.

"Keine Wunde, keine Würgemale!" rief ich in Richtung Küche.

"Medikamente oder Drogen!" schallte es aus Waldmanns Mund zurück.

Der Mediziner erhob sich und packte sein Notfallköfferchen zusammen. Dann murmelte er etwas Unverständliches und verschwand in der Toilette.

Welch ein Jammer, dachte ich und sah zu der Frau hinüber. Keine Leiden und Freuden mehr. Keine Sonnentage und keine Regennächte, Geburtstage, Hochzeitstage, die Geburt von Kindern oder Enkelkindern und am Schluss der letzte Japser, dass das Leben eine runde Sache hätte sein können. Nichts. Ein Zinksarg, der sich gleich über ihr schloss.

Und der Kerl, vermutlich der Täter (wobei ich ihm zunächst einmal eine Rolle als Zeugen zubilligen wollte), stand in seiner Ecke, blass wie nach einer Begegnung mit dem Leibhaftigen. Offenbar reglos harrte er aus, doch erkannte ich, als ich genauer hinsah, dass er zitterte. Er mochte frieren. Schließlich war er nur mit einer Unterhose bekleidet. "Geschmackvoll eingerichtet," sagte ich. "Aber auch etwas teuer für eine Studentin. Finden Sie nicht auch?"

Der fröstelnde David in der Ecke richtete seinen Blick ins Leere.

"Finden Sie nicht auch?" fragte ich erneut und trat auf ihn zu. Da schloss sich scheppernd der Deckel des Zinksargs, und zwei Beamte trugen den Behälter zwischen uns hindurch. "Finden Sie nicht auch?" wiederholte ich meine Frage und erhob meine Stimme zum Donnergrollen.

Der Mann stierte nun nicht mehr die Wand an, sondern mich. Der Mangel an Gefühlsregungen in seinem jungen Gesicht ließ ihn nur noch mehr wie eine Statue wirken, seine kalkweißen Wangen waren wie aus feinstem Marmor gemeißelt. "Was?" fragte er mit dünner Stimme.

"Was! Was! Was! Mann, sperren Sie Ihre Ohren auf!" polterte ich und plusterte mich auf. Das musste reichen. Leben kam nun in sein Gesicht, seine Augen zuckten nervös hin und her, um meinem Blick zu entgehen.

"Na also!" rief ich, doch nahm ich sofort eine entspannte Haltung ein und auch mein Ton wurde ruhiger: "Hören Sie, junger Mann. Wir haben zwei Möglichkeiten: Wir nutzen noch die paar Minuten, solange die Kollegen hier zu tun haben und plaudern ein wenig. Oder ich schleife Sie in Handschellen aufs nächste Revier und unterhalte mich durch die Zellentür mit Ihnen!"

Ich legte ihm den Arm um die Schultern und bugsierte ihn zum Sofa. "Wissen Sie, junger Mann!" sagte ich und lotete dabei die Untiefen meiner Freundlichkeit aus. "So ein Tod ist eine schlimme Sache, die einen Menschen zutiefst erschüttern kann. Deshalb wollen wir uns entspannen. Setzen Sie sich bitte."

Ich drückte ihn ins Polster, allerdings rutschte er sofort weg von der Stelle, wo das Mädchen gelegen hatte. Er schien sich auf der anderen Seite des Sofas ganz ins Leder verkriechen zu wollen. Mit großen - ich sage: schreckgeweiteten - Augen starrte er neben sich, als würde die Tote immer noch neben ihm liegen. Und genau dahin setzte ich mich, breitete die Arme über Lehne und Sofarücken aus und schlug aufseufzend die Beine übereinander. "Gemütlich!" fand ich.

In der Küche rumorte Waldmann mit zwei Kollegen. Ich konnte mich auf meinen guten Spurensucher immer verlassen. Wenn es etwas zu finden gab, konnte es sich nicht lange vor ihm verstecken. Ab und zu warf Waldmann einen fassungslosen Blick auf mein Verhör. Auf der Toilette war der Notarzt offensichtlich mit einem überaus schwerwiegenden Geschäft befasst. "Sie wohnen hier?" "Nein..." hauchte er. Dann schüttelte er den Kopf, als wollte er der Verwirrung in seinem Geist Herr werden. "... das heißt: Ja. In der Wohnung nebenan."

"Als Sie hier ankamen, war sie schon tot?" Ich zog mein Notizblöckchen hervor und blätterte. Die Nachbarin von gegenüber hatte ausgesagt, er wäre gegen zwanzig Uhr von der jungen Dame eingelassen worden.

Er schwieg.

"Nehmen wir mal an, sie war es. Haben Sie jemanden gesehen, der die Wohnung verließ?"

Er schwieg weiterhin und wirkte abwesend. So, als hätte er sich im Geiste schon längst auf Wanderschaft gemacht, um von diesem Ort fortzukommen. Nach einiger Zeit verirrte er sich wohl in seinen Gedankengängen, sein Körper spannte sich, und die großen Augen zuckten.

"Ich möchte etwas trinken."

Ich erhob mich und steuerte schon die Küche an. "Wasser?"

Er schüttelte den Kopf, und ich machte kehrt. Die Flaschensammlung im Schrank abschätzend, rief ich in die Küche: "Kollegen, seid Ihr mit dem Barschrank fertig?"

"Schon lange," brummte Waldmann aus der Küche. "Wohnzimmer, Bad und Flur sind fix und fertig!" In der Toilette rumorte der Notarzt, dann hörten wir ein Gurgeln und Rauschen.

So griff ich zu und nahm die erstbeste Flasche heraus, einen Whiskey, der älter war als der Mann auf dem Sofa, und goss ihm ein Gläschen ein.

"Eis?"

Er schüttelte den Kopf. Ihm war wohl auch so kalt genug. Wie hypnotisiert stierte er auf die Stelle neben sich, als würde die Leiche noch immer neben ihm liegen. "Kommen Sie, trinken Sie einen Schluck, und dann reden Sie sich alles von der Seele, was Sie über den heutigen Tag wissen." Ich stellte das Glas vor ihn auf den Tisch. Er riss sich zusammen, das konnte ich deutlich sehen. Dankbar nickte er mir zu und nahm einen Schluck. Sogleich kam etwas Farbe in sein starres Gesicht. Mit leiser Stimme begann er zu erzählen, und ich kritzelte in mein Notizblöckchen. In einem Augenblick jedoch, als er einen zweiten Schluck machen wollte, hielt er plötzlich inne. Er schnüffelte an dem Whiskey, dann fiel sein Blick auf den Schrank und die Flasche. Ein Ausdruck des Schreckens trat in sein Gesicht.

"Nicht diese Flasche..." sagte er röchelnd.

Waldmann und der Notarzt stürmten fast gleichzeitig ins Wohnzimmer. "Gift!" riefen sie im Chor.

Dann sahen wir alle zu, wie der junge Mann auf dem Sofa umfiel und alle Viere von sich streckte. Überraschung und Entsetzen war in unseren Augen abzulesen.

So verloren wir an jenem Tag den Täter. Zu gern hätte ich das Motiv erfahren. Ich zuckte hilflos die Schultern.

Waldmann hielt ein Whiskeyglas, das er in der Spülmaschine gefunden hatte, und ein Plastikbeutelchen mit einer seltsamen Substanz in Händen. Eben noch triumphierend erhoben, ließ er die Arme entgeistert sinken. Der Arzt stampfte wütend auf und öffnete sein Köfferchen.

"Noch ein Totenschein..."

"Menschenskind, Schimmer!" sagte Waldmann kopfschüttelnd. "Ich mag deinen Stil, deine Gemütlichkeit und vor allem deine Menschlichkeit. Aber es gibt Tage, an denen bist du der größte Trottel, der frei herumläuft!" Nette Kollegen habe ich.

© 2003 Stefan Wölfel

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